Brüssel lässt die Bürger ran - «Europäischer Gipfel» Von Daniel Kirch, dpa
10.05.2009 01:30
Brüssel (dpa) - Für die Brüsseler Politik hatte Wolfgang Senger
lange nicht viel übrig. Bis eine EU-Vorschrift den 77 Jahre alten
Rentner plötzlich verpflichtete, in den Fahrstuhl in seinem Haus eine
teure Lichtschranke einbauen zu lassen. «Das war gar nicht nötig»,
klagt Senger. Seitdem hegt er die Befürchtung, dass sich die Bürger
aus Brüssel bevormundet fühlen könnten.
Seine Sorgen kann der Berliner jetzt an höchster Stelle vortragen:
Vier Wochen vor den Wahlen zum Europäischen Parlament treffen sich
derzeit 150 ganz normale EU-Bürger wie Wolfgang Senger zum
«Europäischen Bürgergipfel» in Brüssel. An diesem Montag wollen s
ie
der versammelten EU-Spitze, unter anderem Kommissionspräsident José
Manuel Barroso und Parlamentspräsident Hans-Gert Pöttering, eine
Deklaration mit Handlungsempfehlungen zur Zukunft der EU übergeben.
Diese war zuvor in intensiven Diskussionen entwickelt worden. «Der
Vorteil ist, dass wir an keine Parteiorder gebunden sind», sagt
Senger über die Debatten. Politiker könnten über gewisse Grenzen
nicht hinaus. «Lasst doch mal die Bürger machen!», fordert er.
Die nach 2007 zweite Auflage des «Bürgergipfels» soll den Dialog
zwischen Bevölkerung und den Akteuren der EU stärken. Simone
Schneider-Neri aus Parsdorf bei München, eine von zehn deutschen
Teilnehmern, hält die Konferenz für eine gute Idee, um die Kluft
zwischen EU und Bevölkerung zu schließen. «Ich bin bis in die
Haarspitzen motiviert», sagt die 29 Jahre alte Immobilienkauffrau,
die gerade in Elternzeit ist. Die Bürger könnten ganze normale Sorgen
ansprechen, «die ein Herr Barroso gar nicht kennen kann».
Träger der Konferenz unter der Schirmherrschaft von
Parlamentspräsident Pöttering ist ein Zusammenschluss von 40
europäischen Organisationen unter Federführung der belgischen König-
Baudouin-Stiftung.
In nationalen Konferenzen hatten die Bürger der 27 EU-
Mitgliedsländer zunächst eigene Positionen formuliert. Bei einem
Treffen im Auswärtigen Amt in Berlin entwickelten im März 150
zufällig ausgewählte Deutsche, die den Bevölkerungsaufbau der
Bundesrepublik widerspiegeln sollten, ihre Ratschläge an die EU-
Politiker. Sie sprachen sich unter anderem für eine stärkere
Förderung erneuerbarer Energien, mehr Transparenz der EU-
Entscheidungen und eine zielgerichtetere Vergabe von Subventionen
aus. «Das war richtig harte Arbeit», sagt Senger.
Dass die 150 Europäer bei den Spitzenrepräsentanten der EU
wirklich Gehör finden, das erwarten Senger und Schneider-Neri
durchaus. «Unsere Stimme zählt, weil ganz Europa da ist», sagt die
29-Jährige. Wenngleich klar sei, dass die Konferenz das Rad nicht neu
erfinden werde, sondern auch ältere Forderungen aufgreife. Bei Senger
hat die Vorbereitung auf den «Gipfel» trotz seines Ärgers über die
Brüsseler Lichtschranken-Vorschrift eine wahre EU-Euphorie ausgelöst.
Auf seine alten Tage sei er noch einmal richtig neugierig geworden:
«Jetzt bin ich dabei - mit dem Herzen sogar.»
dpa kir pjd xx a3 mg
