ZEW-Präsident Wambach: EU muss jetzt ihre Handlungsfähigkeit beweisen

25.03.2017 07:30

Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung misst die
Schockwellen nach der Trump-Wahl und der Brexit-Abstimmung. Kann ein
Europa verschiedener Geschwindigkeiten solche Turbulenzen verhindern?

Mannheim (dpa) - Als Lehre aus dem geplanten Brexit und dem Aufstieg
populistischer Kräfte hat ZEW-Präsident Achim Wambach davor gewarnt,
den europäischen Gemeinschaftsgedanken aus den Augen zu verlieren.
«Die EU muss jetzt zeigen, dass sie Handlungsfähigkeit hat», sagte
der Chef des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in
Mannheim der Deutschen Presse-Agentur.

Dazu helfe die Idee eines Europas verschiedener Geschwindigkeiten,
wie sie etwa EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker ins Spiel
gebracht hatte. «Es macht bei bestimmten Themen Sinn, in einer
Teilgruppe anzufangen, die aber für jedes Land offen sein sollte»,
sagte er. Im Schengen- und im Euro-Raum seien auch nicht alle
EU-Mitglieder vertreten.

«Wir sollten uns die Freiheit nehmen, bei bestimmten Problemen nicht
mit allen Ländern zu agieren - ohne aber den Gemeinschaftsgedanken zu
verwässern», sagte Wambach. «Die Brexit-Wahl hat gezeigt: bei
«Gemeinsam oder Nichts» lautet die Alternative «Raus».»

Bei den Brexit-Verhandlungen erwarte er keine großen Verwerfungen.
«Wir haben zwar eine gewisse Unsicherheit. Aber die Briten sind trotz
allem eine sehr rationale Wirtschaftsnation. Und die EU hat genug
Probleme, als dass sie sich durch zu kurzsichtige Verhandlungen mit
Großbritannien noch ein weiteres zufügen möchte», meinte der 48 Jah
re
alte ZEW-Präsident.

Die Brexit-Abstimmung sei ein Schock für Europa gewesen. «Auch die
Wahl von US-Präsident Donald Trump hat das Gefüge durcheinander
gebracht», sagte Wambach. Urteile über Trumps Wirtschaftspolitik
nannte er verfrüht. «Seine Strategie ist noch unausgegoren. Auf der
einen Seite redet er von Infrastrukturmaßnahmen, mit der er die
Wirtschaft ankurbeln will, auf der anderen Seite von Protektionismus.
Wenn er das durchziehen würde, was er ankündigt, wäre das ein
Riesenproblem für die US-Wirtschaft», unterstrich der Volkswirt.

Die Konjunktur in Deutschland nannte Wambach stabil. «Unsere
Wirtschaft ist breit und robust aufgestellt. Wir haben einen starken
Mittelstand und es in den verschiedenen Regionen der Welt geschafft,
unsere Maschinen und Anlagen zu verkaufen», sagte der ZEW-Chef, der
auch die Monopolkommission leitet. Zwar herrsche angesichts der
bevorstehenden Wahlen in Frankreich und Deutschland eine gewisse
Unsicherheit. «Grundsätzlich sieht es aber gut aus.»