Die russische Sicht der Welt ist auf dem Balkan allgegenwärtig Von Thomas Brey, dpa

10.11.2017 10:30

Russland bietet in Südosteuropa kostenlos Nachrichten und Analysen in
Landessprachen an - und damit seinen Blick auf die Dinge der Welt.
Medien greifen dankbar zu und verschaffen so Moskauer Positionen
breites Gehör.

Belgrad (dpa) - Kroatische Medien gerieten ins Schwärmen: Russische
Waffenbauer hätten das Präzisionsgewehr SVLK-14 Sumrak (Dämmerung)
entwickelt, das mit einem Treffer über 4210 Meter einen «Weltrekord»

erzielt habe. Im Streit um die verweigerte Auslieferung des
französischen Hubschrauberträgers «Mistral» an Russland informierte
n
serbische Medien, das jetzt entwickelte Landungsboot «Priboi» stelle
«Mistral» technisch deutlich in den Schatten. Die Quelle dieser
«Nachweise» für die angebliche Überlegenheit russischer
Waffentechnik: die Nachrichtenagentur «Sputnik».

Während die USA und die EU «Sputnik» und seinen Bruder «RT» (eins
t
Russia Today) als gefährliches Propagandainstrument Russlands
einstufen, beharrt Moskau darauf, es handele sich um seriöse
Informationsquellen. Neben Deutsch verbreiten die beiden Medien ihre
Beiträge auch in serbischer und kroatischer Sprache. Zeitungen und
Internetportale in Kroatien, Serbien, Bosnien-Herzegowina oder
Mazedonien übernehmen das kostenlose Material regelmäßig und meist
eins zu eins unkommentiert. So erreichen Moskauer Positionen immer
wieder große Bevölkerungsgruppen auf dem Balkan.

Russlands Gegner unterstellen, es wolle Einfluss als Gegengewicht zu
Washington und Brüssel aufbauen und verfahre nach dem Rezept «teile
und herrsche». Aus ihrer Sicht heizt die Berichterstattung aus Moskau
viele Konflikte an: Serben gegen Kroaten, Albaner gegen Serben,
Serben gegen Mazedonier, Bosniaken gegen Serben, Montenegriner gegen
Serben. Moskau wolle mit einer Verteufelung von EU und Nato
verhindern, dass sich Staaten an euroatlantische Strukturen annähern
- wie zuletzt im Fall Montenegro und Mazedonien. «Wenn Bosnien
kollabiert, bekommen nicht nur die Serben einen (eigenen) Staat -
Chancen dafür haben auch die Kroaten», titelte «Sputnik» vor zwei
Wochen und befeuerte damit den ohnehin brodelnden nationalistischen
Konflikt in diesem kleinen Balkanland.

Obwohl der Westen in den letzten zwei Jahrzehnten praktisch allein
für Milliarden Euro-Hilfen an die Balkanländer stand, hat Moskau sich
geschickt wirtschaftlichen Einfluss verschafft. Die Erdölindustrie in
Serbien und bei den bosnischen Serben konnte es mit politischer Hilfe
für einen Spottpreis kaufen und diktiert damit die Marktbedingungen.

In Kroatien hatten russische Banken - allen voran die Sberbank - dem
heute bankrotten Lebensmittelriesen Agrokor auch dann noch Kredite
zur Verfügung gestellt, als westliche Institute abwinkten. Vor kurzem
sprach der russische Präsident Wladimir Putin in Moskau mit seiner
kroatischen Amtskollegin Kolinda Grabar-Kitarovic über Wege aus dem
Milliarden Euro-Dilemma. Der Vorstandschef des russischen
Energieriesen Rosneft, Igor Setschin, elektrisierte die kroatischen
Medien mit seinem Angebot, Kroatien könne mit dem Giganten eine
«strategische Partnerschaft» eingehen.

Einen Coup landete zuletzt der russische Botschafter in Serbien,
Alexander Tschepurin. Via «Sputnik» machter er sich über den für de
n
Balkan zuständigen Abteilungsleiter im US-Außenministerium, Hoyt
Brian Yee, lustig. Dieser ermahnte vor wenigen Tagen den
EU-Beitrittskandidaten, er könne mit seinem besonders engen
Verhältnis zu Russland nicht auf zwei Stühlen sitzen. Der US-Diplomat
sei doch nur der «75. Vertreter des 24. Mitarbeiters des
stellvertretenden Außenministers» und daher bitte nicht ernst zu
nehmen, sagte Tschepurin. Sein Spott schlug ein - bei der serbischen
Nachrichtenagentur Tanjug, dem Belgrader TV-Sender N1, dem
Staatsfernsehen, dem größten Privat-TV-Sender Pink und dem Portal
B92.



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