Prognose: Deutscher Wohnungsbau noch Jahre unter Bedarf

24.11.2017 13:31

Weil das Sparkonto nichts mehr bringt, investieren viele Bürger in
«Betongold» - und das europaweit. Doch Entlastung für die von rasant

steigenden Mieten geplagten Einwohner in vielen deutschen Städten ist
nicht in Sicht.

München/Wiesbaden (dpa) - In vielen deutschen Städten werden nach
Einschätzung von Ökonomen voraussichtlich noch über Jahre dringend
benötigte neue Wohnungen fehlen. «Wir müssen 400 000 im Jahr bauen,
schaffen aber nur 300 000», sagte Ludwig Dorffmeister vom Münchner
ifo-Institut am Freitag bei der «Euroconstruct»-Konferenz in München.

Die 100 000 jährlich fehlenden Wohnungen müssten dann später gebaut
werden - voraussichtlich bis Mitte des nächsten Jahrzehnts.

Dorffmeister sieht mehrere Gründe für die erwartete Lücke: Engpässe

in der Bauindustrie und bei den Baubehörden, fehlendes Bauland in den
Städten und gestiegene Baukosten. «Wir haben einige
Rahmenbedingungen, die nicht so passen.» Der Wohnungsbau in
Deutschland sei nach wie vor unter dem europäischen Durchschnitt -
gemessen an der Zahl neuer Wohnungen pro tausend Einwohner.

In der Euroconstruct-Gruppe arbeiten Wirtschaftsforscher und
Immobilienfachleute aus 19 europäischen Ländern zusammen, darunter
Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und die Schweiz.

Dem Bauhauptgewerbe bescheren die niedrigen Zinsen und die starke
Nachfrage nach Immobilien Rekorde. Im September verzeichnete die
Branche das stärkste Neugeschäft seit 18 Jahren, wie das
Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte. Der Auftragseingang
stieg im Vergleich zum Vorjahresmonat um 2,9 Prozent auf 6,0
Milliarden Euro. Zuletzt war 1999 ein höherer Wert in einem September
erreicht worden. Bereinigt um den Effekt von steigenden Preisen und
Arbeitstagen legte das Neugeschäft um 1,5 Prozent zu.

Nach den ersten neun Monaten verbucht die Baubranche eine starke
Bilanz. Das Ordervolumen wuchs gemessen am Vorjahreszeitraum um 5,4
Prozent. Arbeitstäglich- und preisbereinigt blieb noch ein Plus von
2,5 Prozent. Auch beim Umsatz gab es einen starken Zuwachs: Er
schnellte in den ersten drei Quartalen des Jahres um 9,3 Prozent auf
54 Milliarden Euro hoch, erklärte der Hauptverband der Deutschen
Bauindustrie. Das sei der höchste Erlös seit fast 20 Jahren.

Nach Angaben von Dorffmeister wächst die Baubranche erstmals seit
Anfang der 1990er Jahren in sämtlichen 19 Staaten gleichzeitig. 2018
könnte sich demnach der gleichzeitige Aufschwung der Branche in allen
19 Ländern fortsetzen, ab übernächstem Jahr rechnet Dorffmeister mit

einer leichten Abschwächung. Ab 2019 werde die Bautätigkeit in
Deutschland an Schwung einbüßen: «Es wird aber keinen dramatischen
Rückfall geben.»

Die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank macht Kredite billig
und viele Finanzanlagen unattraktiv: «Der Aufschwung läuft auf
lockerem Geld, das ist die Droge», sagte der Ökonom Thomas Mayer,
ehedem Chefvolkswirt der Deutschen Bank, derzeit tätig für die Kölner

Vermögensverwaltung Flossbach von Storch.



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