Sklavenhandel in Libyen: Thema Migration dominiert EU-Afrika-Gipfel

29.11.2017 15:38

Hinweise auf die Versklavung von Migranten in Libyen sorgen beim
EU-Afrika-Gipfel für Entsetzen. Muss Europa eingreifen?

Abidjan (dpa) - Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich angesichts von
Hinweisen auf Sklaverei für ein europäisch-afrikanisches Vorgehen
gegen den Menschenschmuggel in Libyen ausgesprochen. Es müsse
verhindert werden, dass Migranten «auf schrecklichste Weise in
Lagern» gehalten oder sogar «gehandelt» würden, sagte sie zum Aufta
kt
des EU-Afrika-Gipfels in Abidjan (Elfenbeinküste).

Wie ein zusätzliches Engagement Deutschlands aussehen könnte, ließ
die Kanzlerin offen. Nicht ausgeschlossen wurde allerdings eine neue
EU-Initiative. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatten bereits in den
vergangenen Tagen ein Eingreifen gefordert. Macron sprach angesichts
der Situation in Libyen von «Verbrechen gegen die Menschlichkeit»,
Juncker von einer «Hölle».

Den Berichten aus dem Land zufolge sollen afrikanische Migranten, die
über das Mittelmeer nach Europa fliehen wollten, in Libyen von
Menschenhändlern bei Auktionen verkauft worden sein. Bereits zuvor
hatte es Hinweise auf Vergewaltigungen und Folter in Lagern gegeben.
Für die EU ist das besonders brisant, weil sie über die Unterstützung

der libyschen Küstenwache dafür sorgt, dass immer weniger Migranten
über Libyen nach Europa kommen können.

Die dramatische Lage in Libyen ließ das Hauptthema des zweitägigen
Gipfels zunächst in den Hintergrund rücken. Dieser wollte sich vor
allem mit der Frage beschäftigen, wie die Zukunftsperspektiven für
junge Afrikaner verbessert werden können. Bis 2050 soll sich die
Bevölkerung auf rund 2,5 Milliarden Menschen verdoppeln. Das
bedeutet, dass zusätzlich Hunderte Millionen junge Afrikaner Essen,
Bildung und vor allem ein Einkommen brauchen.

Wenn sich die Lage nicht deutlich bessert, wird Europa nach
Einschätzung von Experten auf Jahrzehnte mit nach Europa strebenden
Migranten konfrontiert sein. «Wir reden hier nicht über Tausende,
Hunderttausende, die migrieren wollen, sondern über Millionen oder
zehn Millionen oder noch mehr», sagte der Afrika-Beauftragte der
Kanzlerin, Günter Nooke, in Abidjan.

Um die afrikanischen Staaten zu einem stärkeren Engagement im Kampf
gegen die Migration nach Europa zu bewegen, will die EU in den
kommenden Jahren vor allem weitere finanzielle Anreize setzten. Ein
Beispiel ist die jüngst gestartete «Investitionsoffensive» für Afri
ka
und die Nachbarschaft der EU. In sie sollen 4,1 Milliarden Euro aus
dem EU-Haushalt fließen.

Zugleich sollen legale Einreisemöglichkeiten für junge Menschen
geschaffen werden, die in der EU eine Ausbildung oder ein Studium
absolvieren wollen. UN-Generalsekretär António Guterres betonte, eine
geregelte Zuwanderung unterstütze die Wirtschaft der Heimat- und
Zielländer von Migranten. «Wir können den Tragödien im Mittelmeer
kein Ende setzen, wenn wir nicht signifikante Möglichkeiten legaler
Migration schaffen», sagte er laut Redetext.

Bessere Lebensbedingungen in Afrika zu schaffen, gilt als
Herkulesaufgabe. Die Regierung des westafrikanischen Nigeria etwa ist
bereits jetzt damit überfordert, ihre Bürger mit grundlegenden
Dienstleistungen wie Bildung und Gesundheit zu versorgen. Bis 2100
soll die Bevölkerung des Landes UN-Prognosen zufolge von derzeit 185
Millionen auf rund 900 Millionen anschwellen. Um das rasante
Bevölkerungswachstum in Teilen Afrikas zu verlangsamen, braucht es
Experten zufolge neben mehr Familienplanung vor allem bessere
Schulbildung für Mädchen. Je länger Mädchen zur Schule gingen, dest
o
weniger Kinder würden sie gebären.

Hilfsorganisationen forderten zum Gipfel eine radikale Abkehr von der
bisherigen Politik Europas. Viele der aktuellen Kooperationen dienten
nur der Eindämmung der illegalen Migration und der Förderung der
europäischen Wirtschaft, nicht dem Aufbau nachhaltiger Strukturen in
Afrika. Als Beispiel nannten Hilfsorganisationen wie Brot für die
Welt, Medico International und Pro Asyl die EU-Unterstützung für das
Transitland Libyen. Auch die Unterstützung für Transitländer mit
fragwürdiger Menschenrechtslage wie im Tschad oder dem Sudan
kritisieren sie.



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