Libyens Sklavenhandel floriert - Rückkehrer fürs Leben gezeichnet Von Kristin Palitza, dpa

30.11.2017 14:17

Der Weg nach Europa ist lebensgefährlich. In Libyen erwartet
afrikanische Migranten Folter, Erpressung oder Versklavung. Die
Berichte der wenigen Rückkehrer machen den Horror anschaulich.

Agadez/Abidjan (dpa) - Ibrahim Sorry hat von Europa geträumt. Als er
die gefährliche dreitägige Reise vom Niger durch die Sahara
überstand, glaubte er, fast am Ziel zu sein. Doch in Libyen erwartete
den 27-Jährigen aus Gambia ein drei Monate währender Alptraum aus
Gefangenschaft, Erpressung und brutaler Folter. «Sie haben mich an
den Beinen kopfüber aufgehängt und mir Elektroschocks gegeben», sagt

der junge Mann, der zuvor im westafrikanischen Gambia als Schweißer
arbeitete. Er wurde in Libyen in ein Internierungslager in der
südwestlichen Stadt Sabha gesteckt. Er konnte sich nicht freikaufen -
er hatte den Schleusern sein letztes Geld gegeben.

Die Folterknechte forderten ihn immer wieder auf, seine Familie
anzurufen und um Lösegeld zu bitten. Sorry hatte Glück. Sein Onkel
kratzte den geforderten Betrag von umgerechnet 1900 Euro zusammen.
«Wer nicht zahlen kann, wird getötet. Sie lassen niemanden gehen»,
sagt Sorry. Er habe viele Migranten sterben sehen - sie seien
erschossen worden, verhungert oder an Krankheiten gestorben. «Sie
behandeln uns schlechter als Tiere, ohne jegliche Menschlichkeit»,
sagt er. Nachdem er freikam, hatte er weder Mut noch Kraft, den Weg
nach Europa fortzusetzen. Er kehrte zurück nach Agadez in den Niger.
Dort wartet er nun in einem Transitzentrum der Internationalen
Organisation für Migration (IOM) auf seine Rückreise nach Gambia.

Der Horror, der Migranten auf dem Weg nach Europa in Libyen erwartet
- von Folter bis hin zu Sklavenhandel - hat nun die internationale
Gemeinschaft wachgerüttelt. Die EU einigte sich mit afrikanischen
Staaten und den Vereinten Nationen am Rande des EU-Afrika-Gipfels in
Abidjan auf einen Evakuierungsplan für Migranten. Demnach sollen die
IOM und das UN-Flüchtlingshilfswerk ausreisewillige Menschen außer
Landes bringen, zumindest aus den Teilen, die von der international
anerkannten Regierung kontrolliert werden.

Insgesamt warten nach groben Schätzungen der IOM bis zu eine Million
Menschen in Libyen darauf, das Mittelmeer nach Europa zu überqueren.
In dem Land herrschen seit dem Sturz von Langzeitmachthaber Muammar
al-Gaddafi Gewalt und Chaos. Diese Situation nutzen Schleuserbanden
und Menschenhändler aus.

«Migranten, die nach Libyen reisen, haben keine Ahnung von der
Folter, die sie unmittelbar nach der Grenze erwartet», sagt
IOM-Sprecher Leonard Doyle. «Sie werden wie Waren gekauft, verkauft
und weggeworfen, wenn sie wertlos geworden sind.»

Ibrahim Moussa, ein Psychologe der Hilfsorganisation Italienische
Internationale Kooperation (COOPI), die Rückkehrern in Agadez
psychologische Hilfe bietet, berichtet, er könne am Gesicht der
Neuankömmlinge ablesen, wer aus Libyen komme. «Die Menschen sind
mental komplett zerstört. Es ist, als ob nur noch eine leere Hülle
übrig ist», sagt Moussa. Rückkehrer litten an Psychosen, Depressionen

und posttraumatischen Belastungsstörungen. Viele seien
suizidgefährdet.

Die Geschichten weiblicher Rückkehrer seien oft noch schlimmer als
die männlicher, denn sie würden als Sexsklaven gehalten. «Wir gehen

stark davon aus, dass die meisten so lange zur Prostitution gezwungen
werden, bis sie sterben», sagt er. Nur wenige könnten das Lösegeld
aufbringen.

Trotzdem wollen weiterhin Tausende Afrikaner den gefährlichen Weg
nach Europa wagen. «Wir versuchen, die Migranten vor den Gefahren zu
warnen», sagt Guiseppe Loprete, IOM-Direktor im Niger. Aber die
Wenigsten ließen sich abhalten; die vage Hoffnung auf eine bessere
Zukunft ist stärker als jede Angst.

So auch für Mohammed Sheriff aus Liberia. Der 23-Jährige saß bereits

in einem Boot Richtung Italien, als ihn bewaffnete Männer festnahmen,
die sich als libysche Küstenwächter ausgaben. Sie forderten
umgerechnet gut 2100 Euro für seine Freilassung. «Sie geben dir ein
Handy und befehlen, deine Eltern anzurufen. Vorher schlagen sie dich,
damit du am Telefon richtig heulst», sagt Sheriff. Auch er berichtet
von Misshandlung, Folter und willkürlichen Tötungen. Seine Mutter,
eine Bauersfrau, verkaufte ihre Felder, um ihn zu befreien. Beim
zweiten Versuch, das Mittelmeer zu überqueren, wurde Sheriff gefangen
genommen und zusammen mit etwa 300 Migranten in eine Zelle gepfercht.
Als ein Aufstand ausbrach, konnte er fliehen.

Über viele Umwege schaffte Sheriff es schließlich zurück nach Agadez,

jetzt will er nach Liberia zurück. Eine Rückkehr ist für viele eine
schwierige Entscheidung: Sie ist mit einem Gesichtsverlust verbunden
- zudem schulden Migranten oft Angehörigen große Summen, die sie
eigentlich aus Europa zurückzuzahlen planten.

Die EU will die ausreisewilligen Migranten aus Libyen daher mit
Wiedereingliederungshilfen unterstützen. Auch Sheriff sieht der
Rückkehr mit gemischten Gefühlen entgegen. «Ich freue mich auf mein
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Mutter, aber ich schäme mich», sagt er. «Sie hat unser Land für mic
h
verkauft. Und ich bringe nichts zurück.»



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