Grüne Grenze: Für Irland steht beim Brexit viel auf dem Spiel Von Verena Schmitt-Roschmann, dpa

01.12.2017 10:50

Vor knapp 20 Jahren entschlossen sich Briten, Nordiren und Iren im
Karfreitagsabkommen zum Frieden. Soll eine neue Grenze sie nach dem
Brexit wieder trennen? Niemals! lautet ihr Schlachtruf.

Aughnacloy (dpa) - Eine Brücke. Drei kurzbeinige Schafe im Regen zur
Linken. Ein Schild mit dem Tempolimit in Meilen pro Stunde. Das
war's. Zwei Minuten später ist man in Aughnacloy, einem Straßendorf
mit Krämer und Tankstelle, Café und China-Imbiss. Viele fahren von
Emyvale einfach kurz zum Mittagessen hinüber.

Es ist der Grenzübergang zwischen der Republik Irland und Nordirland,
an dem vor weniger als 30 Jahren der 24-jährige Aidan McAnespie auf
dem Weg zu einem Football-Spiel von einem Soldaten erschossen wurde.
Aus Versehen, wie es damals hieß.

Es ist die Stelle, wo noch vor weniger als 20 Jahren Betonbarrieren
und Grenzer mit Maschinenpistolen Iren und Nordiren stoppten,
bisweilen den Wagen auseinandernahmen auf der Suche nach Waffen und
Sprengstoff. Als der örtliche Grundschulrektor 1974 mit Frau und
Tochter von Aughnacloy über die Grenze zum Essen fuhr, kidnappte ihn
die Irisch-Republikanische Armee, denn der Rektor war nebenberuflich
Polizist. Man fand ihn später tot auf einem Feld bei Aughnacloy.

Es sind alte Geschichten aus dunklen Zeiten des Nordirlandkonflikts,
den der Rest Europas fast vergessen hat. Aber in Irland kommen sie
jetzt wieder hoch. Denn dieser Übergang bei Aughnacloy und 300
weitere Punkte, an denen man heute fast unbemerkt von der Republik
Irland nach Nordirland fährt und zurück: Das wird nach dem
EU-Austritt Großbritanniens 2019 die Außengrenze der Europäischen
Union.

Für die Iren und Nordiren ist diese Grenze ein Trauma, ein sehr
langer Schatten einer sehr nahen Vergangenheit: Keiner will sie
zurückhaben. Für die Brexit-Unterhändler in Brüssel ist sie ein
Alptraum: Keiner weiß wirklich, wie man eine neue Grenze vermeiden
soll, wenn Großbritannien aus der EU, aus dem Binnenmarkt und der
Zollunion geht und Nordirland mitnimmt. Bis Montag (4.12.) soll
zumindest ein Formelkompromiss stehen, sonst wären die Verhandlungen
über den britischen EU-Austritt weiter blockiert.

Gabriel D'Arcy erinnert sich noch gut genug daran, wie es einmal war,
um sich vorzustellen, wie es wieder werden könnte. Er nennt die Idee
einer neuen Grenze: lächerlich.

D'Arcy wuchs in den 1960er Jahren mit neun Geschwistern in Irland
auf, das sich nach einem Unabhängigkeitskrieg 1922 von Großbritannien
losgesagt und 1949 zur Republik erklärt hatte. Doch die nächste Stadt
lag jenseits der Grenze im britischen Norden: Enniskillen.
Großeinkäufe machte die Familie dort, vor allem Unterwäsche für die

Kinder. Der Norden, das war ein anderes Land mit anderer Währung, und
Socken, Unterhemden und Slips waren dort viel billiger, so erinnert
sich der Ire verschmitzt.

Die Zollgrenze verschwand über Nacht, als Irland und Großbritannien
1973 gleichzeitig der EU beitraten, auch daran erinnert sich D'Arcy.
«Leider wurden sie durch Militärposten ersetzt. Und dann begannen 30
Jahre grauenhafter Verzweiflung und Gewalt.»

Es begannen die «Troubles», der blutige Konflikt in Nordirland
zwischen katholischen Nationalisten, die auf Vereinigung mit der
Republik Irland hofften, und protestantischen Unionisten, die
unbedingt bei Großbritannien bleiben wollten. Es begannen endlose
Jahre mit Entführungen, Attentaten, Bombenanschlägen. Am Ende waren
3600 Menschen tot, fast 50 000 verletzt, 500 000 traumatisiert.

Eine ganze Generation war schließlich so zerrüttet und zerschlissen,
dass sie die Waffen streckte und trotz aller Bitterkeit und zu
Karfreitag 1998 Frieden schloss.

Das Geniale am Karfreitagsabkommen, so sieht es die irische
Regierung, war die Zweideutigkeit. Jeder durfte sich eine Identität
aussuchen, unter dem Schirm der EU lebte es sich einfach
nebeneinanderher. Die staatliche Einheit legte man erst einmal ad
acta, aber eine Ebene darunter entstand ein neues Gebilde, eine
gemeinsame Wirtschaftszone, eine kleine EU in der EU.

Monatlich fahren nach Angaben der irischen Regierung mehr als 1,8
Millionen Mal Autos über die quasi unsichtbare Grenze, bis zu eine
Million Menschen kommen von hüben nach drüben. Sollen hier künftig
wieder Zöllner stehen? Die irische Regierung hält das für
ausgeschlossen.

Die EU-Partner weiß Dublin dabei hinter sich, und auch Großbritannien
bekennt sich zu diesem Ziel: Keine feste Grenze. Nur, wie dies
funktionieren soll, wenn Großbritannien den Binnenmarkt und die
Zollunion und einheitliche Standards hinter sich lässt, das hat bis
heute niemand beantwortet. Lösen ließe sich das bestenfalls mit
extrem engen Handelsbeziehungen. Ein entsprechendes Abkommen darüber
könnte aber Monate oder Jahre brauchen, wenn es überhaupt zustande
kommt.

Darauf will sich Irland nicht verlassen: Dublin will eine
«Lebensversicherung» aus London, eine Garantie, und zwar jetzt, bevor
die EU mit der britischen Regierung über künftige Beziehungen redet.
Bis zuletzt rangen Brüssel und London, um diese Hürde bis Montag zu
nehmen.



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