Nicht nur im britischen Shop: In Luxemburg kündigt sich der Brexit an Von Birgit Reichert, dpa

01.01.2018 10:34

Nach dem Brexit rechnet man in Luxemburg mit mehr Briten. Etliche
Unternehmen wollen von London ins Großherzogtum umziehen. Zwei
Ex-Broker stellen sich auf die Neubürger schon mal ein - und bieten
kulinarische Überlebenshilfe für Engländer.

Strassen/Luxemburg (dpa) - Bei Mark Hollis geben sich die Briten die
Klinke in die Hand. Sie kommen, um Dinge aus ihrer Heimat zu kaufen:
englischen Tee, Cumberland-Würstchen, Bacon, Chips oder den
Toastaufstrich Marmite. «Viele Dinge gibt es in Luxemburg nur hier»,
sagt Rebecca Birmingham, als sie mit zwei vollen Tüten den Laden
«Home from Home» im luxemburgischen Strassen verlässt. Sie kommt
regelmäßig. «Ich mag auch den irischen Käse.»

Dass der Laden so gut einschlägt - das hätte Hollis nicht erwartet,
als er vor rund zwei Monaten mit seinem irischen Kollegen John
Heffernan an den Start ging. «Vor allem an den Wochenenden ist es
hier supervoll», sagt Hollis (50), der seit rund 20 Jahren im
Großherzogtum wohnt. Da liegen auch frische Bagels, kreisrunde
Crumpet-Küchlein und typisches Gebäck (Scone) in den Regalen. «Es
gibt einfach Dinge, die Briten vermissen und ohne die sie aus
irgendwelchen Gründen nicht überleben können.»

Bereits heute lebten rund 7000 Briten in Luxemburg, sagt Hollis. Mit
dem Brexit könnten es deutlich mehr werden, schätzt der Ex-Broker.
Denn etliche Firmen haben bereits angekündigt, dann von der Londoner
City nach Luxemburg überzusiedeln beziehungsweise ihr Engagement im
Großherzogtum auszuweiten. Klar freut sich Hollis über noch mehr
Kunden. «Ich denke aber, der Brexit ist eine schlechte Entscheidung
für Großbritannien», sagt er.

In der Tat - eine Reihe von Unternehmen hat erklärt, als Folge des
Brexit in Luxemburg neu oder verstärkt Fuß zu fassen, sagt die
Sprecherin der Agentur Luxembourg for Finance (LFF), Lynn Robbroeckx.
Dazu gehörten große Namen wie der Versicherungskonzern American
International Group, die US-amerikanische Investmentgesellschaft
Blackstone, die Citibank oder JP Morgan. Rund 15 Firmen hat sie
bereits auf der Liste stehen. LFF ist 2008 von der Luxemburger
Regierung und der Luxemburger Finanzindustrie gegründet worden.

«Wie viele Menschen diese Unternehmen dann wirklich bewegen, wird von
dem Ergebnis der Verhandlungen abhängen - ob es ein harter oder ein
weicher Brexit wird», sagt Finanzexpertin Robbroeckx. Viele stammten
aus der Versicherungsbranche und dem Fondssektor. Luxemburg gelte für
sie als attraktiv: Das Land sei nach den USA der zweitgrößte
Fondsmarkt, viele internationale Versicherer seien hier zu Hause.
«Die Unternehmen müssen hier das Rad nicht neu erfinden.»

Auch Luxemburgs Premierminister Xavier Bettel rechnet künftig mit
mehr Briten: «Wir gehen davon aus, dass weitere Firmen aus dem
Vereinigten Königreich sich für Luxemburg als Einstieg für den
europäischen Markt entscheiden», sagt er der Deutschen
Presse-Agentur. Luxemburg sei ein weltweit anerkannter Finanzplatz
mit stabilem Wachstum. Er habe «seine Stärken und überzeugende
Argumente», und zwar nicht erst seit der Entscheidung zum Brexit.
«Wir haben bewusst darauf verzichtet, großangelegte Kampagnen in
London zu organisieren und wie Aasgeier über der City zu kreisen.»

Nach Angaben von LFF zählt das Großherzogtum derzeit mehr als 140
internationale Banken. Zudem hätten 97 der weltweit 100
Top-Fondsgesellschaften ihren Sitz in dem zweitkleinsten Land der EU
sowie mehr als 300 Versicherer. Etliche Unternehmen wollten in
Luxemburg ihre Europa-Niederlassung eröffnen, sagt Robbroeckx.

Hollis und Heffernan, der ebenfalls viele Jahre Broker war, haben
bereits weitere Pläne. «In der Zukunft wollen wir einen Teeladen
aufmachen», erzählt Hollis. Dort soll es dann auch britische
Souvenirs geben. Das Duo fährt zwei Mal pro Woche mit einem
Kühllaster ins englische Kent, um frisch einzukaufen.

Hollis, Vater von vier Kindern, lebt gerne in Luxemburg. Sein Zuhause
ist in Biwer im Westen des Landes. «Es ist eine wunderschöne Gegend.»

Und privat fährt er auch zum Einkaufen - nach Deutschland. «Ich gehe
oft in Konz (Kreis Trier-Saarburg) einkaufen. Vor allem
Drogerieartikel und Milch sind dort viel billiger als in Luxemburg.»



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