Die Künstler und der Brexit: Sprung ins Ungewisse Von Anna Tomforde, dpa

05.12.2018 09:00

Eins ist sicher: Die Unsicherheit bleibt. Für Kunst, Kultur und
Unterhaltung in Großbritannien ist die Lage auch nach dem mit Brüssel
ausgehandelten Brexit-Deal noch offen. Fachkräfte wandern ab.

London (dpa) - Sie wissen, was sie dem Staat wert sind. Deshalb haben
die weltweit renommierten Kultur-und Entertainment-Branchen in
Großbritannien unermüdlich vor dem Ausstieg aus der Europäischen
Union gewarnt. Künstler und Popstars sowie Museen, Film und Fernsehen
sind nahezu geschlossen gegen den Brexit. Was die Kulturschaffenden
besonders ärgert, ist, dass ihre Stimme kaum gehört wird. Die Branche
trägt nach Regierungsangaben pro Jahr rund 90 Milliarden Pfund
(umgerechnet etwa 100 Milliarden Euro) zur britischen Wirtschaft bei.

Diese Zahlen allein sollten nach Angaben der Creative Industries
Federation (CIF), einer Vereinigung für Beschäftigte in der Kultur,
dazu führen, dass die Belange der Branche eine zentrale Rolle
spielen. «Wir brauchen dringend größere Klarheit über die Form der

künftigen kulturellen Beziehungen», sagte CIF-Direktor Alan Bishop.

Für Tony Lennon von der Gewerkschaft für Rundfunk, Unterhaltung,
Theater und Kommunikation (BECTU) enthält das von Premierministerin
Theresa May ausgehandelte Abkommen «keine konkreten Aussagen». «Der
Sprung ins Ungewisse wird einfach bis 2020 verschoben, und alle
wichtigen Fragen hängen in der Luft», sagte Lennon.

Doch es könnte noch schlimmer kommen. Großbritannien will Ende März
2019 die EU verlassen. Die 27 bleibenden EU-Staaten hatten zwar im
November das mit London ausgehandelte Brexit-Vertragswerk gebilligt.
Kern ist eine Übergangsphase bis mindestens Ende 2020, in der sich
praktisch nichts ändert. Aber: Ein ungeordneter Ausstieg ist nach wie
vor nicht ausgeschlossen, falls das Parlament in London am 11.
Dezember den Brexit-Deal ablehnen sollte. Experten rechnen dann mit
chaotischen Verhältnissen in allen Lebensbereichen.

«Wir sind dabei, einen schwerwiegenden Fehler zu begehen», warnte der
Rock-Musiker Bob Geldof in einem Appell, der unter anderem von
Megastar Ed Sheeran und Dirigent Simon Rattle unterschrieben wurde.
Das gigantische Potenzial der britischen Musikszene werde in einem
«selbsterbauten kulturellen Gefängnis» zum Schweigen gebracht, warnte

Geldof in der ihm eigenen deutlichen Sprache.

Vereinzelt gibt es auch Stimmen, die von einem «neuen
Internationalismus in der Kunst» schwärmen. So sieht die
Kulturpolitikerin Munira Mirza in der erweiterten Zusammenarbeit mit
«Staaten außerhalb des protektionistischen Blocks der EU» neue
Horizonte des kulturellen Austauschs, der die gesellschaftlichen und
ethnischen Verhältnissen in Großbritannien realistisch widerspiegele.

Was die Kunst- und Kulturszene am meisten bewegt, sind die Fragen der
Freizügigkeit nach dem EU-Austritt sowie nach höheren Kosten,
bürokratischen Hürden und Verzögerungen beim Transport von
Ausrüstungen für Tourneen und Festivals. Visapflicht, schärfere
Regulierung, Steuern und Zollkontrollen könnten den «Zugang zum
besten Talent abwürgen», befürchtet BECTU.

Das von Großbritannien angestrebte neue Visa-System, nach dem
EU-Bürger mit allen anderen in einer Schlange stehen und Auflagen
über Arbeitsverträge und Mindestgehalt zu erfüllen haben, sei von
Beschäftigten der Kunst-und Unterhaltungsbranche meist nicht zu
erfüllen, so CIF. Vereinzelt wird der Ruf nach bevorzugter Behandlung
und der Ausstattung mit einem «Touring Passport» laut.

Besonders leiden könnte laut CIF der milliardenschwere Sektor der
Film-und Fernsehproduktion, hier arbeiten viele Bürger aus
EU-Staaten. Der Erfolg der Branche sei in erster Linie dem Zugang zum
besten Talent zu verdanken, sagte Phil Dobree, Chef der Animation-
und Computergrafik Produktionsfirma Jellyfish, dem «Guardian». Er
fügte hinzu: «Diese Leute sind hoch qualifiziert und extrem begehrt.
Sie arbeiten oft mit kurzfristigen Verträgen. Im Moment können wir
sie noch von einem Tag auf den anderen einfliegen.»

Hinzu käme der Wegfall der direkten EU-Förderung für die Kunst- und
Unterhaltungssparte, die sich nach Angaben des Arts Council England
auf rund 40 Millionen Pfund pro Jahr beläuft. Für Nicholas Serota,
den Vorsitzenden des Arts Council und Ex-Direktor der Tate Galerien,
geht es aber nicht nur um Geld. Ein Großteil der Kulturorganisationen
arbeite mit Partnern in der EU zusammen. «Die Kultur hat schon immer
einen wesentlichen Einfluss auf unsere 'soft power' gehabt. Es ist
klar, dass der aus internationaler Zusammenarbeit erwachsende
künstlerische Austausch zu unserem Erfolg beigetragen hat.»

Nach Angaben von Bernard Donoghue, dem Vorsitzenden der Vereinigung
der Führenden Touristenattraktionen (ALVA), hat die Regierung bisher
nur vage zugesagt, die EU-Förderbeträge zu übernehmen. «Es gibt
Absichtserklärungen, aber konkrete Summen sind nicht festgelegt»,
sagte Donoghue dem «Museums-Journal».

Nach seinen Angaben setzt sich der Braindrain - die Abwanderung von
Fachkräften - in der Kultur fort. «Wir sehen schon jetzt einen
Braindrain von qualifizierten Kräften in den Bereichen Kultur,
Wissenschaft und Design. Die Leute gehen, weil sie nicht wissen, ob
sie nach dem März 2019 noch einen Job haben», sagte Donoughue.



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