Boomland Tschechien: Wenn Arbeitskräfte knapp werden Von Michael Heitmann, dpa

09.01.2019 12:48

Noch brummt die Wirtschaft in Tschechien. Unternehmen müssen Aufträge
sogar ablehnen, weil ihnen das Personal fehlt. Doch die Sorge wächst,
dass das Zugpferd Deutschland schwächeln könnte.

Prag (dpa) - Es gibt mehr freie Stellen als Bewerber. Noch nie seit
mehr als 20 Jahren war es so leicht, Arbeit zu finden. Der
Staatshaushalt glänzt mit einem kleinen, aber überraschenden
Überschuss. Tschechien mausert sich mehr und mehr zum Klassenprimus
im östlichen Europa. Das Wort vom Boomland macht die Runde.

Bei den tschechischen Arbeitsämtern waren mit Stand November 215 000
Menschen als erwerbslos gemeldet - die niedrigste Zahl seit Juni
1997. Dem standen mehr als 323 000 freie Stellen gegenüber. Im
November hatte Tschechien mit 1,9 Prozent saisonbereinigt - wieder
einmal - die niedrigste Arbeitslosenquote unter allen EU-Staaten.

Um die verbleibenden Arbeitskräfte liefern sich die Unternehmen einen
harten Wettkampf. Viele Firmen ködern Mitarbeiter mit
Zusatzangeboten, die in Tschechien «benefity» genannt werden - nach
dem englischen Wort für Vorteile. Die Palette reicht von der
Mitgliedschaft im Fitnessstudio über das klassische Urlaubsgeld bis
hin zu Freizeitangeboten für die Familie.

Der Motor für den Wirtschaftsboom ist schnell ausgemacht. Es ist
neben der Chemie- und IT-Branche vor allem die Autoindustrie. Im
vergangenen Jahr lief die Rekordzahl von mehr als 1,4 Millionen Pkw
vom Band. Neben der VW-Tochter Skoda produzieren auch Hyundai und
Toyota sowie die französische PSA-Gruppe in Tschechien. Außerdem gibt
es viele Kfz-Zulieferer.

Bei aller Freude über die Quasi-Vollbeschäftigung - sie droht zu
einer Bremse für die tschechische Wirtschaft zu werden. «Der Mangel
an Arbeitskräften führt dazu, dass Firmen gezwungen sind, Aufträge
abzulehnen», sagt Jan Vejmelek, Chefökonom der KB-Bank für
Tschechien. Die Löhne würden steigen, die Produktivität nehme aber
nicht im gleichen Maß zu. Und damit sinke langfristig die
Konkurrenzfähigkeit der Betriebe.

Dass die Lage dramatisch ist, bestätigt auch Bernard Bauer von der
Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer. Die Situation
habe sich im vergangenen Jahr für die deutschen Investoren noch
einmal deutlich zugespitzt - trotz erheblicher Lohnsteigerungen und
attraktiver Arbeitsbedingungen.

«Wirtschaft lebt von dynamischem Wachstum - Kapazitäten nicht
erweitern zu können, ist das Gegenteil davon», kritisiert Bauer. Die
Politik müsse die Ausbildung nach deutschem Vorbild dual gestalten,
also mehr in die Unternehmen und in die Praxis verlagern: «Dort weiß
man am allerbesten, was ein junger Mitarbeiter können muss.»

Michael Valasek, Professor an der Technischen Universität in Prag,
verweist auf einen Ausweg: «Ich sehe ein großes Potenzial für den
Einsatz von Robotern und die Automatisierung in der tschechischen
Industrie.» Valasek betreut einen eigenen Master-Studiengang mit dem
Schwerpunkt «Industrie 4.0». Gemeinsam mit deutschen Partnern ist
eine Testumgebung für die flexible Fabrik der Zukunft entstanden.
Alle Daten werden in der Cloud gesammelt und analysiert, um Abläufe
zu optimieren und Qualitätsstandards einzuhalten.

Doch der Professor nennt ein Problem: Die Investitionskosten für
Roboter seien hoch, Arbeitskräfte aber immer noch vergleichsweise
günstig. Der monatliche Bruttoverdienst liegt in Tschechien laut
Statistikbehörde CSU im Schnitt bei knapp 1 230 Euro. In Deutschland
ist es gut dreimal so viel.

Um die Lücken vor allem im Billiglohnsegment zu füllen, wirbt die
Regierung Arbeitskräfte aus der Ukraine, der Mongolei und den
Philippinen an. Prag stellt jährlich bis zu 12 000 Arbeitsvisa in
einem beschleunigten Verfahren bereit. Während die «Gastarbeiter» aus

Osteuropa und Asien willkommen sind, lehnt Ministerpräsident Andrej
Babis die Aufnahme von Flüchtlingen beispielsweise aus dem
Bürgerkriegsland Syrien weiter ab.

In diesem Jahr dürften sich die Blicke in Prag vor allem auf
Deutschland richten. Die Wirtschaft reagiere sehr empfindsam auf die
Entwicklung beim größten Handelspartner, sagt Jakub Seidler,
Chefvolkswirt der ING-Bank für Tschechien. Eine verlangsamte Gangart
in Europas größter Volkswirtschaft gehöre daher zu den Hauptrisiken
für 2019. Ein Sprichwort sagt wohl nicht umsonst: «Wenn Deutschland
niest, dann bekommt Tschechien einen Schnupfen.»



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