Kampf gegen Arznei-Fälscher: Neuer Verbraucherschutz tritt in Kraft Von Alexander Sturm, dpa

08.02.2019 05:35

Manipulierte Medikamente gelangen nur selten in die Apotheke - doch
dann können die Gesundheitsschäden bei Patienten groß sein. Mit
gefälschter Arznei verdienen Kriminelle viele Millionen. Nun soll
ihnen ein neues Schutzsystem der EU das Handwerk legen.

Frankfurt/Bonn (dpa) - Fälschungen bei einem Medikament gegen
Atembeschwerden, Manipulationen bei Arznei gegen Hepatitis-C-Viren
und Magenerkrankungen, illegale Viagra-Potenzpillen, die Zollbehörden
an der Grenze ins Netz gehen: Immer wieder versuchen Kriminelle,
Arzneifälschungen in den deutschen Pharmahandel zu bringen. Und auf
dem Schwarzmarkt machen Banden lukrative Geschäfte: Die Gewinnmargen
sind dort teils größer als im Drogenhandel mit Kokain oder Heroin.

Nun sollen neue Hürden die Praktiken erschweren. An diesem Samstag
(9. Februar) startet ein neues Schutzsystem in Europa, das
Sicherheitsmerkmale für Arzneien vorschreibt. Rezeptpflichtige Mittel
müssen dann einen Barcode auf der Verpackung tragen, mit dem sich per
Scan in der Apotheke die Echtheit überprüfen lässt, wie das
Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) erklärt.
Zudem soll ein Öffnungsschutz wie ein Siegeletikett garantieren, dass
Schachteln nicht schon aufgemacht oder Pillen umverpackt wurden. Die
Fälschungsrichtlinie geht auf eine EU-Vorschrift von 2011 zurück.

Jährlich werden in Deutschland mehr als 750 Millionen Packungen
verschreibungspflichtige Arznei in öffentlichen Apotheken ausgegeben.
Die Zahl der Fälschungen in der legalen Lieferkette vom Hersteller
über Großhändler bis in die Apotheken sei gering, erklärte das BfAr
M.
2018 seien weniger als zehn Verdachtsfälle gemeldet worden. Davon
könnten aber jeweils etliche Packungen betroffen sein, zudem bleibe
eine Dunkelziffer. Die Einnahme gefälschter Arznei könne «gravierende

gesundheitliche Auswirkungen» haben, warnt die Behörde.

Manipuliert würden Wirkstoffe und Zusammensetzungen, aber auch
Herkunftsangaben. «Bei den Fälschungen handelte es sich meist um
Originalware, die illegal umverpackt wurde oder um Originalware aus
Diebstählen, die wieder in die legale Vertriebskette eingebracht
wurde», erklärt Maik Pommer, Sprecher am BfArM.

Weit größer ist das Problem mit Manipulationen im illegalen Handel,
etwa im Internet oder mit geschmuggelter Ware. Bei der weltweiten
Operation Pangea 2018 zogen Zoll- und Polizeibehörden in Deutschland
rund 1200 Pakete und Briefsendungen binnen einer Woche aus dem
Verkehr. 100 000 Tabletten, Kapseln und Ampullen gingen ins Netz,
darunter verbotene Nahrungsergänzungsmittel und Schmerzmedikamente.

Besonders beliebt bei Kriminellen: Potenzmittel. Mit einem Kilogramm
lasse sich auf dem Schwarzmarkt zwischen 90 000 und 100 000 Euro
erzielen, schätzte das Bundeskriminalamt. Bei Heroin seien es 50 000
Euro. Zudem koste illegal gehandelter Viagra-Wirkstoff nur 60 Euro je
Kilo, während für den Heroin-Rohstoff rund 7000 Euro fällig würden.


Für die Pharmaindustrie sind Fälschungen schmerzhaft. In der EU
entgingen der Branche dadurch rund 10 Milliarden Euro Umsatz pro
Jahr, erklärte das Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum

2016. Davon entfiel gut eine Milliarde auf deutsche Hersteller. Dazu
kommt der Imageschaden, der Firmen durch Kriminelle entsteht.

Im weltweiten Vergleich ist die Bundesrepublik aber wenig von
Arzneifälschungen betroffen - auch, weil die Pharmabranche hier
streng reguliert wird. In den Verkehr kommen nur amtlich zugelassene
Medikamente, auch Herstellung, Vertrieb und Anwendung werden
überwacht, betont der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie
(BPI). Zudem setzten Arzneihersteller schon Sicherheitsmerkmale wie
Hologramme oder Mikroschriften auf Medikamentenpackungen ein.

Künftig aber soll automatisch ein Alarm in der Apotheke losgehen,
wenn dort eine Manipulation auftaucht: Die Echtheitsprüfung in
Deutschland hat der Verein Securpharm aufgebaut, ein Zusammenschluss
von Pharma- und Apothekerverbänden. Jede Packung hat dabei eine
individuelle Seriennummer, die in das System eingespeist wird. Mit
dem Scan der Codes lässt sich in der europaweiten Datenbank prüfen,
ob die Nummer von einem Hersteller vergeben wurde oder womöglich eine
Packung mit derselben Nummer schon über die Theke ging.

Für die Branche ist es ein Mammutprojekt: 19 345 Apotheken, 346
Pharmaunternehmen, 887 Großhändler und 406 Krankenhausapotheken in
Deutschland werden laut Securpharm an das System angebunden. «Die
Umsetzung der Fälschungsschutzrichtlinie gehört zu den größten
Infrastrukturprojekten der Arzneimittelversorgung in Europa»,
erklärte der Verein. Der Pharmaverband BPI schätzt die Investitionen
alleine bei den Unternehmen auf mehr als eine Milliarde Euro.

Verbrauchern kommt das zu Gute. Zeigt der Packungs-Scan in der
Apotheke Verdachtsfälle an, erhalten sie eine andere Schachtel des
Medikaments. Und im europaweiten System lässt sich zurückverfolgen,
wo gefälschte Mittel in die legale Lieferkette gelangten, erklärt
Securpharm. Gestohlene Arznei wird dann gesperrt.



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