TV-Duell um Tory-Führung: Johnson trotz schwachen Auftritts Favorit Von Christoph Meyer, dpa

10.07.2019 01:46

Beim einzigen TV-Duell mit seinem Konkurrenten im Rennen um das Amt
des britischen Premierministers hat Boris Johnson die Lacher auf
seiner Seite. Doch wenn es um die Details seiner Brexit-Pläne geht,
bleibt er einsilbig.

Salford (dpa) - Boris Johnson gibt nicht viel auf Fakten, solange die
grobe Richtung aus seiner Sicht stimmt. Trotzdem ist er im Rennen um
die Nachfolge der britischen Premierministerin Theresa May der klare
Favorit. Niemand habe ihm zugetraut, die Brexit-Volksabstimmung 2017
mit seiner Kampagne für den EU-Austritt zu gewinnen, erzählt der
ehemalige Londoner Bürgermeister am Dienstagabend in der einzigen
TV-Debatte mit seinem Konkurrenten Jeremy Hunt beim Sender ITV. Er
merkt nicht, dass er sich gerade im Jahr vertan hat. Das Referendum
war schon 2016.

Es ist diese Achtlosigkeit für Details, gepaart mit blindem
Optimismus, die ihm nicht nur Außenminister Hunt zum Vorwurf macht.
Johnson will Großbritannien unter allen Umständen am 31. Oktober aus
der EU führen, doch seine Pläne dafür sind bislang nebulös. «Als

Premierminister geht es darum, den Leuten zu sagen, was sie hören
müssen, nicht was sie hören wollen», kritisiert Hunt.

Johnson kontert mit dem Vorwurf, Hunt verbreite Mutlosigkeit. «Ich
glaube, dieses Land braucht ein bisschen Optimismus», ruft er unter
dem Beifall der Zuschauer dazwischen. Mit schlagfertigen Reaktionen
wie dieser, oft mit etwas Ironie versehen, hat Johnson immer wieder
die Lacher auf seine Seite.

Fragen an ihn bleiben dabei oft unbeantwortet. Zum Beispiel, wie er
das dreimal im Parlament gescheiterte Brexit-Abkommen mit der EU neu
verhandeln wolle, obwohl Brüssel wieder und wieder klar gemacht hat,
dass es keine Nachverhandlungen geben wird. Oder wie er die EU dazu
zu bringen gedenke, Großbritannien eine Übergangsfrist nach dem
Brexit zu gewähren, ohne dass London seine Schlussrechnung aus der
Zeit der EU-Mitgliedschaft begleicht.

Nicht greifbar ist Johnson auch bei der Frage, ob er den britischen
Botschafter in Washington entlassen würde, der mit seinem
vernichtenden Urteil über Donald Trump beim US-Präsidenten in Ungnade
gefallen ist. Der Diplomat hatte die Trump-Regierung in vertraulichen
Depeschen unter anderem als «unfähig» bezeichnet. Die Emails wurden
später an die Presse weitergegeben. Während sich Hunt klar hinter
seinen Diplomaten stellt, sagt Johnson, er wolle nicht so «vermessen»
sein, diese Entscheidung vorwegzunehmen. Ähnlich äußert er sich, wenn

es darum geht, ob er einen Brexit ohne Abkommen durchboxen würde,
indem er das Parlament mit einem Verfahrenstrick ausschaltet.

Wer nächster Chef der konservativen Partei und damit Premierminister
wird, entscheiden die etwa 160 000 Tory-Mitglieder in diesen Tagen
per Briefwahl. Es wird davon ausgegangen, dass viele ihre
Entscheidung bereits getroffen haben. Auch wenn Johnson als kaum noch
zu schlagen gilt - das Ergebnis der Wahl soll erst am 23. Juli
feststehen.



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