Studie: Chinas Investoren verringern Engagement in Europa

12.08.2019 10:00

Chinesische Investoren legen bei Firmenkäufen in Europa den
Rückwärtsgang ein. Die chinesische Industrie ist in einer
Schwächephase, und den Investoren aus der Volksrepublik schlägt
wachsendes Misstrauen entgegen.

Stuttgart/München (dpa) - Chinas Firmen bremsen ihre Expansion in
Europa: Im ersten Halbjahr haben Unternehmen aus der Volksrepublik
nur noch 2,4 Milliarden Dollar (2,1 Mrd. Euro) für Firmenkäufe und
-beteiligungen in Europa ausgegeben, ein Rückgang von über 80 Prozent
im Vergleich zur ersten Jahreshälfte 2018, wie die
Unternehmensberatung EY in der neuen Ausgabe ihrer halbjährlichen
Studie zu chinesischen Investitionen errechnet hat. Zwar gab es noch
81 Übernahmen und Beteiligungen, doch handelte es sich dabei zum
Großteil um kleine Deals.

In Deutschland gab es demnach überhaupt keine einzige größere
Übernahme mehr, chinesische Firmen investierten laut EY-Studie gerade
einmal 505 Millionen Dollar in der Bundesrepublik. Zum Vergleich:
2018 waren es insgesamt noch über 10 Milliarden gewesen. Als eine
Hauptursache sehen die China-Fachleute der Unternehmensberatung die
Schwächephase der chinesischen Wirtschaft, die maßgeblich durch den
Handelskonflikt mit den USA befördert wird. Bisheriges Rekordjahr war
2016, als chinesische Firmen über 85 Milliarden Dollar für Übernahmen

in Europa ausgegeben hatten.

Manche früher in Europa sehr aktiven chinesischen Unternehmen seien
zudem «entweder mit der Integration der erworbenen Unternehmen oder
mit dem Weiterverkauf beschäftigt», erklärte Sun Yi, Leiterin der
Chinasparte bei EY. Das bezieht sich unter anderem darauf, dass der
als hoch verschuldet geltende HNA-Konzern seinen Anteil an der
Deutschen Bank wieder reduziert hat, nach Mutmaßung vieler Beobachter
auf Druck der Pekinger Führung. 

Doch sind chinesische Investoren in Europa auch mit wachsendem
Misstrauen konfrontiert. So hatte die Bundesregierung im Sommer 2018
den Einstieg des staatlichen chinesischen Netzbetreibers SGCC in die
deutsche Stromversorgung blockiert. Im Dezember verschärfte die
Regierungskoalition Übernahmen deutscher Firmen. In Branchen mit
Bedeutung für die nationale Sicherheit kann der Bund jetzt sein Veto
einlegen, wenn ein ausländischer Investor mehr als zehn Prozent der
Anteile einer deutschen Firma kaufen will. Die chinesische
Kommunistische Partei verfolgt das ausdrückliche Ziel, den Westen und
Japan bis 2025 technologisch einzuholen und bis 2050 zu überflügeln.

Viele der Übernahmen in den Vorjahren waren wohl ohnehin auf Pump
finanziert. Nach Analysen des Internationalen Währungsfonds ist der
Verschuldungsgrad chinesischer Unternehmen in den vergangenen zehn
Jahren rasant gestiegen. Und abgesehen davon hat die Pekinger Führung
die Kapitalkontrollen verschärft, da reiche Chinesen ihr Vermögen
bevorzugt ins Ausland schaffen. Die jüngsten Signale aus der
chinesischen Wirtschaft sind gemischt. Die Autoverkäufe in der
Volksrepublik ziehen offensichtlich wieder an, aber mehrere
prominente deutsche Industrieunternehmen haben mit Auftragsrückgängen
in China zu kämpfen.

Dass die chinesischen Investitionsaktivitäten in Europa aber noch
weiter zurückgehen, glauben die EY-Berater nicht: «Damit dürfte die
Talsohle erreicht sein», sagte Sun.



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