Abschuss von Flugzeug im Iran vermutet - Untersuchungen laufen weiter

10.01.2020 04:18

Die militärische Konfrontation zwischen dem Iran und den USA könnte
verheerende Folgen für Zivilisten gehabt haben. Immer mehr deutet
darauf hin, dass ein Passagierflugzeug nach dem Start in Teheran von
einer Rakete getroffen wurde.

Washington/Teheran/Brüssel (dpa) - Nach dem Absturz einer
ukrainischen Passagiermaschine bei Teheran verdichten sich die
Hinweise auf einen versehentlichen Raketenbeschuss durch den Iran als
Ursache. Die Regierungen in Kanada und Großbritannien haben nach
eigenen Angaben Informationen, die auf den Abschuss durch eine
iranische Rakete hinweisen. Diese Theorie wird US-Medienberichten
zufolge auch in den USA verfolgt. Offiziell wird die Ursache für den
Absturz weiter untersucht.

Das Flugzeug mit 176 Menschen an Bord war am Mittwoch abgestürzt,
kurz nachdem der Iran zwei von US-Soldaten genutzte Stützpunkte im
Irak angegriffen hatte. Bei dem Absturz gab es keine Überlebenden.
Der Iran will nun auch Fachleute unter anderem aus den USA in die
Untersuchungen einbeziehen. Die Nationale Behörde für
Transportsicherheit in Washington erklärte, dass sie sich an der
Untersuchung beteilige.

Das Flugzeug war am Mittwoch auf dem Weg von Teheran nach Kiew kurz
nach dem Start abgestürzt. Der Iran hatte Spekulationen über einen
Abschuss zurückgewiesen und einen technischen Defekt als Ursache
angeführt. Unter den Absturzopfern waren 63 Kanadier.

Der kanadische Premierminister Justin Trudeau sagte am Donnerstag,
seine Regierung habe Informationen «von mehreren Quellen, von unseren
Alliierten und eigene Informationen». Die Beweise seien «sehr klar».

Der britische Regierungschef Boris Johnson sprach einer Mitteilung
zufolge von einem «Korpus an Informationen», der auf einen Abschuss
durch eine iranische Rakete hinweise.

Der US-Sender CBS berichtete, US-Geheimdienste hätten Signale von
einem Radar empfangen, das eingeschaltet worden sei. US-Satelliten
hätten außerdem den Start von zwei Boden-Luft-Raketen kurz vor der
Explosion des Flugzeugs entdeckt. CNN berichtete, der Theorie eines
versehentlichen Abschusses durch den Iran lägen die Analyse von
Satelliten-, Radar- und anderen elektronischen Daten zugrunde, die
routinemäßig vom US-Militär und den Geheimdiensten gesammelt würden
.

Die Ukraine hat bereits eigene Experten in den Iran geschickt. Der
Leiter der iranischen Luftfahrtbehörde, Ali Abedsadeh, gab am
Donnerstagabend im iranischen Fernsehen bekannt, dass der Iran auch
Boeing-Fachleute aus den USA, Kanada und Frankreich an den
Untersuchungen zur Absturzursache der ukrainischen Passagiermaschine
bei Teheran beteilige.

Die Blackbox des Flugzeuges solle im Iran untersucht werden. Falls
dies aber aus technischen Gründen nicht möglich sein sollte, wären
auch Untersuchungen im Ausland denkbar. Es sollten alle technischen
Möglichkeiten in Betracht gezogen werden, um die Absturzursache
umgehend zu klären, sagte Abedsadeh. Die Vermutung, die Maschine sei
von einem iranischen Raketenabwehrsystem getroffen worden,
bezeichnete er als absurd.

Aufgrund der Sicherheitslage in der Region hatte die Lufthansa am
Donnerstag ein Flugzeug auf dem Weg in die iranische Hauptstadt
Teheran umkehren lassen. Auch der Lufthansa-Flug von und nach Teheran
am Freitag wurde gestrichen.

Im Konflikt zwischen den USA und dem Iran standen die Zeichen nach
den gezielten Militärschlägen vorerst auf Entspannung. Die Lage am
Persischen Golf war eskaliert, nachdem die USA den iranischen
Top-General Ghassem Soleimani Ende vergangener Woche in Bagdad
gezielt getötet hatten. Der Iran hatte in der Nacht zum Mittwoch mit
einem - angekündigten - Angriff auf zwei von den USA genutzte
Militärbasen im Irak geantwortet. Danach hatten Trump und Irans
Präsident Hassan Ruhani angekündigt, den Konflikt zunächst auf
politischer Ebene führen zu wollen.

Trump verteidigte das Vorgehen der USA gegen Soleimani erneut. Bei
einem Wahlkampfauftritt in Toledo im US-Bundesstaat Ohio bezeichnete
er Soleimani als «sadistischen Massenmörder». «Soleimani hat ak
tiv
neue Angriffe geplant und hatte sehr ernsthaft unsere Botschaften im
Blick und nicht nur die Botschaft in Bagdad. Aber wir haben ihn
gestoppt», sagte Trump. Zuvor hatte er im Weißen Haus gesagt,
Soleimani habe die US-Botschaft in die Luft jagen wollen.

Trump ging mit seinen Äußerungen über die bisherige Darstellung der
US-Regierung der Beweggründe für den Angriff auf Soleimani hinaus.
Die Demokraten hatten Zweifel an der Begründung angemeldet, wonach
Soleimani bevorstehende Angriffe auf US-Bürger geplant habe, und
kritisierten auch, dass die US-Regierung in der Angelegenheit zu
wenig Informationen preisgebe. Trump warf den Demokraten in Toledo
vor, alles an die Medien weiterzugeben, wenn sie informiert würden.

Das US-Repräsentantenhaus verabschiedete am Donnerstag eine
Resolution, mit der ein eigenmächtiges militärisches Vorgehen von
Trump gegen den Iran verhindert werden soll. Mit ihrer Mehrheit in
der Kammer stimmten die Demokraten für einen entsprechenden
Beschluss, der den Republikaner Trump zur Einbeziehung des Parlaments
zwingen soll. Der Vorstoß dürfte symbolischen Charakter haben: Die
Demokraten dominieren zwar das Abgeordnetenhaus, den Senat aber die
Republikaner. Eine Mehrheit für die Resolution dürfte dort nicht
zustandekommen. Ohnehin dürfte sie spätestens an einem Veto Trumps
scheitern.

Die EU-Außenminister beraten am Freitag (15.00 Uhr) bei einem
Sondertreffen in Brüssel über die Krisenherde in Nahost und Libyen.
Von dem Treffen soll vor allem ein Signal der Geschlossenheit
ausgehen. Die Staatengemeinschaft hatte in beiden Konflikt jüngst
versucht, ihre diplomatischen Kanäle zu nutzen. Für Deutschland wird
Bundesaußenminister Heiko Maas in Brüssel erwartet.

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hält die Lage am Persischen
Golf weiter für unberechenbar. Die Nato reagierte auf Trumps
Aufforderung, das Militärbündnis müsse zusätzlich zur Stabilität
im
Nahen Osten und dem Kampf gegen Terrorismus beitragen. Die Nato habe
das Potenzial dazu, sagte Stoltenberg. «Und wir prüfen, was wir
zusätzlich tun können.» Trump ging am Donnerstag sogar so weit zu
sagen: «Ich denke, die Nato sollte erweitert werden und wir sollten
den Nahen Osten einbeziehen.» Kurz zuvor hatte er über einen solchen
Erweiterungsvorschlag allerdings eher im Scherz gesprochen und einen
möglichen neuen Namen ins Spiel gebracht.



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