Bye, bye, Britain - Was der britische Ausstieg aus Erasmus bedeutet Von Larissa Schwedes, dpa

08.01.2021 04:50

Sie saßen nebeneinander in Bibliotheken, durchtanzten gemeinsam so
manche Nacht, lernten die Sprache der anderen und wurden nicht selten
Freunde fürs Leben: Jahr für Jahr gingen Zehntausende europäische
Studierende nach Großbritannien und umgekehrt - bis jetzt.

London (dpa) - Eigentlich hätte er gar keine großen Erwartungen an
Erasmus gehabt, erzählt Max Hogrebe, 29, aus Münster. Vor fünf Jahren

entschied sich der Medizin-Student, ein Erasmus-Semester in Wales zu
verbringen. «Ich bin angefixt worden, das war eine enorm wichtige
Zeit für mich», sagt er heute. «Ich würde fast sagen, dass das jede
r
gemacht haben muss.» Auch die Britin Isabella Jewell, die noch vor
wenigen Monaten in Frankreich und Italien studierte, gerät ins
Schwärmen, wenn sie an ihre Erasmus-Zeit denkt. «Das war so eine
großartige Möglichkeit», sagt die 21-Jährige, die normalerweise in

Manchester Französisch und Italienisch studiert. So gut wie im Land
selbst hätte sie die Sprachen niemals an der Uni lernen können.

Erfahrungen, wie sie dank des Austauschprogramms der Europäischen
Union, das mittlerweile Erasmus+ heißt und weit über den reinen
Uni-Austausch hinausgeht, jedes Jahr Hunderttausende machen. Auch
Zehntausende Briten, die in EU-Ländern studieren - und noch mehr
junge Europäerinnen und Europäer, für die Großbritannien traditione
ll
zu den Lieblingsunis gehörte - den berühmten, altehrwürdigen Unis,
aber auch der beliebten britischen Kultur sei Dank.

Das war einmal. Mit dem Brexit ist Schluss. Zwar gibt es noch eine
Übergangsphase, aber klar ist: Großbritannien ist raus aus dem
Erasmus-Programm. Noch vor rund einem Jahr hatte Premierminister
Boris Johnson angekündigt, Erasmus werde nach dem Brexit auf jeden
Fall erhalten bleiben - doch es ist bei weitem nicht die erste
Kehrtwende des Regierungschefs. «Hunderte Millionen Euro» hätte es
Großbritannien nach dem Brexit gekostet, Teil des Programms zu
bleiben - so der Kommentar eines hochrangigen Mitglieds der
Brexit-Verhandlungen.

Im Ausland studieren soll die künftige britische Generation trotzdem
noch dürfen. Das «Turing-Programm» soll Erasmus ersetzen, benannt
nach dem legendären britischen Entschlüssler des Enigma-Codes, Alan
Turing, der den Briten im Zweiten Weltkrieg das Mitlesen
verschlüsselter Funk-Codes ermöglichte. Der entscheidende Unterschied
des neuen Programms: Turing funktioniert nur in die eine Richtung.

«Studenten werden die Möglichkeit haben, nicht nur an europäischen
Universitäten zu studieren, sondern an den besten in der ganzen
Welt», kündigte Johnson an. Rund 100 Millionen Pfund (rund 110 Mio
Euro) sollen im ersten Jahr in das Programm fließen. Britische
Studierende können eine Förderung beantragen - für solche aus der EU

gibt es keinen Penny. «Es ist damit kein gleichwertiger Ersatz», sagt
der Geograf David Simon von der Royal Holloway University of London.
«Der gegenseitige Austausch bei Erasmus war ein Ausdruck des
europäischen Spirits.» Insofern sei es wenig verwunderlich, dass die
Regierung sich für eine einseitigere Variante entschieden habe.

«Ich vermute, dass eine ideologische Vermutung dahinter steckt, dass
Erasmus sehr pro-europäische junge Menschen hervorbringt, was
sicherlich auch stimmt», mutmaßt der Politikprofessor James Sloam von
der Royal Holloway University of London. Eine Haltung, die
Großbritannien zwar auch künftig nützen könnte, aber möglicherwei
se
nach Ansicht konservativer Brexiteers in der Regierung nicht
unbedingt zum frischgebackenen Brexit-Land passt. «Es wird eine
beträchtliche Phase der Unsicherheit geben und verlorene
Möglichkeiten für eine ganze Generation von Studenten», hält der
Historiker Richard Toye von der Universität Exeter fest. Das neue
Programm klinge für ihn zunächst, als sei es auf der Rückseite eines

Briefumschlags entworfen worden.

Fremdsprachen-Studentin Isabella Jewell vermutet außerdem, dass es
einen größeren Wettstreit um die begrenzten Plätze des Programms
geben wird und dass insbesondere benachteiligte Bewerber das
Nachsehen haben könnten. «Es wird die zurücklassen, die es besonders

verdient haben», vermutet die 21-Jährige. «Es zeigt einfach, dass
unsere Regierung überhaupt nicht über Studenten nachdenkt.»
Insbesondere für junge Menschen wie sie, die fremde Sprachen
studieren, sei es dringend nötig, im Ausland zu leben und die
Sprachen auch im Alltagsleben anzuwenden. «Es gibt ohnehin schon ein
großes Problem mit Sprachlehrern in Großbritannien», meint sie.

Die Zahl der Teilnehmer aus Europa, die nach Großbritannien zum
Studieren kamen, lag schon immer deutlich höher als umgekehrt: 2019
gingen gut 18 000 Briten zum Studieren oder für Praktika mit Erasmus+
ins EU-Ausland, während mehr als 30 000 nach Großbritannien kamen.

Wie so oft sieht man im Norden des Vereinigten Königreichs die Dinge
ein wenig anders als im Londoner Regierungsviertel: Die schottische
Regierungschefin Nicola Sturgeon bezeichnete den britischen Ausstieg
aus Erasmus als «kulturellen Vandalismus». Wenn es nach ihr ginge,
sei Schottland schnell wieder dabei im Erasmus-Programm. Und auch
deutsche Universitäten hoffen, dass mit dem europafreundlichen
Landesteil schneller wieder ein enger Austausch stattfinden könnte
als mit dem Rest des Königreichs.

Max Hogrebe, der sich selbst als «UK-affin» bezeichnet, bedauert den
Ausstieg Großbritanniens. Erasmus-Erfahrungen könne man als
europäischer Student zum Glück auch weiterhin machen, nur eben
woanders, meint er. «Ein großer Anteil von dem, was Erasmus ausmacht,
bleibt für andere Staaten erhalten.» Britische Studierende können das

nicht behaupten - für sie fallen direkt 27 Erasmus-Ziele weg. Es
bleibt das Hoffen auf Turing.



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