Nordiren spüren den Brexit im Supermarkt

08.01.2021 05:00

Belfast (dpa) - In Nordirland bekommen Verbraucher den Brexit wenige
Tage nach dem Ende der Übergangsphase bereits im Supermarkt zu
spüren. «Die Menschen hier beschweren sich über leere Regale in den
Supermärkten», sagte die nordirische Konfliktforscherin und
Brexit-Expertin Katy Hayward von der Queen's University Belfast der
Deutschen Presse-Agentur. Insbesondere bei frischen Produkten komme
es zu Störungen der Lieferketten. Unternehmen seien unsicher, welche
Formulare bei der Einfuhr notwendig sind. «Viele merken, dass sie
nicht vorbereitet sind», so Hayward. Das sei nicht überraschend -
normalerweise brauche es Jahre, um solche aufwendigen Veränderungen
umzusetzen. Viele Firmen verschieben daher ihre Fahrten, was sich bei
frischen Produkten als erstes bemerkbar macht.

Nach dem Brexit gelten für das zum Vereinigten Königreich gehörende
Nordirland spezielle Regeln, die im sogenannten Nordirland-Protokoll
festgehalten sind. Damit wird eine harte EU-Außengrenze zwischen
Irland und Nordirland vermieden, da durch eine solche das Aufflammen
alter Konflikte zwischen den Landesteilen befürchtet wird. Nordirland
ist damit enger an die EU gebunden und folgt weiter den Regeln des
EU-Binnenmarkts. Bei der Einfuhr von Waren aus Großbritannien nach
Nordirland sind daher seit dem 1. Januar Zoll- und
Zertifikatskontrollen fällig. Die entsprechenden Vorgaben sind jedoch
erst knapp vor dem Jahreswechsel veröffentlicht worden.

Mark Simmonds vom Hafenverband British Ports Association hat bislang
kein Chaos an der irischen Seegrenze zu beklagen, rechnet aber damit,
dass das nicht so bleiben wird. «Einige Häfen haben Lastwagen
zurückgeschickt. Aber die meisten Fernfahrer waren bislang
vorbereitet. Die Sorge ist, dass das nicht so bleiben wird, wenn die
Mengen zunehmen», sagte Simmonds der dpa. Auch er berichtet, dass in
der ersten Januarwoche vergleichsweise wenig Fracht die Häfen
passiert hat. Pro Lastwagen veranschlagt der Verbandschef in diesem
Fall rund fünf Minuten - wenn die Fahrer vorbereitet seien. «Aber
selbst ein paar Minuten machen einen Unterschied.»

Auch der Handelsverband Northern Ireland Retail Consortium
bestätigte, Unternehmen hätten Lieferungen nach Nordirland
vorübergehend ausgesetzt. Von der Supermarktkette Tesco hieß es auf
Anfrage, es gebe bei den Einfuhren einiger Produkte nach Nordirland
Verzögerungen. «Aber wir arbeiten mit unseren Zuliefern zusammen, um
diese (Produkte) so schnell wie möglich wieder in die Regale zu
bekommen und Kunden, wo wir können, Alternativen anzubieten», sagte
eine Sprecherin.

Nordirland-Minister Brandon Lewis zeigte sich im BBC-Interview
zuversichtlich, die Waren würden «bald wieder fließen wie in 2020».

Katy Hayward meint hingegen: «Ich denke nicht, dass sich die Dinge
schnell bessern werden.» Die Spannungen im Land nähmen merklich zu.



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