Visum nötig: Brexit funkt deutschen Handwerkern ins GB-Geschäft Von Benedikt von Imhoff, dpa

05.04.2021 05:15

Der Brexit reicht in alle Wirtschaftsbereiche hinein, das spüren nun
auch deutsche Handwerker. Sie haben sich in den vergangenen 15 bis 20
Jahren ein zweites Standbein in Großbritannien aufgebaut. Doch die
Aussichten sind äußerst trübe.

London/Düsseldorf (dpa) - Der Ausbau des Dachstuhls, eine neue Küche
oder ein Schuppen - wenn es um Auftragsarbeiten geht, sind im
Vereinigten Königreich deutsche Handwerker hoch geschätzt. Denn im
Gegensatz zu ihren britischen Kollegen genießen sie einen
hervorragenden Ruf. Doch das Standbein, das sich mehrere deutsche
Betriebe in Großbritannien aufgebaut haben, droht nun wegzubrechen.
Grund ist - wie bei so vielen wirtschaftlichen Themen - der Brexit.
«Die Dienstleistungserbringung vor Ort geht fast nur noch mit Visum,
und die Visumsregelungen sind sehr restriktiv», sagt Karl-Martin
Fischer von der Außenwirtschaftsberatung Germany Trade and Invest.

Einfach über den Ärmelkanal setzen und losarbeiten oder auch schnelle
Lieferungen über Grenzen hinweg - so stellte sich die Lage
jahrzehntelang da. «Wir sind verwöhnt gewesen», sagt Andreas Pauli,
Geschäftsführer von Waagen Pauli in Velbert. Doch das ist vorbei.

Zwar gäbe es für Handwerker ein Visum, das passgenau klingt: als
Contractual Service Suppliers, also für die Erbringung vertraglicher
Dienstleistung. Doch, so erklärt Fischer, für dieses Visum sei ein
Hochschulabschluss vorgeschrieben, also mindestens ein Bachelor. «Die
Tatsache, dass der deutsche Meisterbrief dem Bachelor gleichgestellt
ist, hilft nur sehr bedingt», sagt der Experte. «Denn im Zweifel wird
es nicht der Meister sein, der die Dienstleistung erbringt, sondern
der wird im Zweifel jemanden schicken wollen und selbst zu Hause
bleiben.»

Das ist aber noch nicht alles: Nötig ist von britischer
Auftraggeberseite eine «sponsorship licence», eine Art finanzielle
Garantie. Die muss beim britischen Innenministerium beantragt werden,
kostet viel Geld, viel Zeit und viel Verwaltungsaufwand. Und
schließlich gibt es für die Baubranche einen nationalen britischen
Vorbehalt, sodass London derzeit keinen Marktzugang garantiert. Ein
Großteil der deutschen Handwerker in Großbritannien arbeitet aber im
Bauhandwerk.

Für sie gilt ein Vergleich, den Fischer zum Brexit-Vertrag zieht:
«Stellen Sie sich vor, Sie sind 60 Jahre, kurz vor der Rente. Sie
haben immer mit gutem Appetit gegessen und versuchen dann nochmal, in
Ihren Konfirmandenanzug zu steigen», sagt der Experte. «So müssen Sie

sich das Abkommen in puncto Dienstleistungen vorstellen. Das wird
zwicken und zwacken. Und vielleicht geht's auch gar nicht mehr.» Über
die Anzahl der betroffenen Betriebe liegen keine Zahlen vor.
Ausnahmen gibt es etwa für Maschinenbauer, die im Kaufvertrag die
Installation oder Wartung vereinbart haben. Diese Firmen dürfen
weiterhin Fachkräfte visumsfrei nach Großbritannien schicken.

Harte Kritik üben Unternehmer am Brexit-Vertrag, den der britische
Premierminister Boris Johnson und EU-Kommissionschefin Ursula von der
Leyen an Heiligabend vereinbarten, nur wenige Tage vor dem Austritt
Großbritanniens aus der EU-Zollunion und dem Binnenmarkt. Zwar wurden
flächendeckende Zölle vermieden, die Umstellung war dennoch
riesengroß. «Zu kurzfristig», schimpft Industrieanlagenanbieter
Pauli. Wochenlang seien Behörden überfragt, welche Dokumente nötig
sind, erzählt er. Die zuständigen Stellen: überlastet.

Für Unternehmen, die schon seit langem immer wieder in Großbritannien
arbeiten, ist es ein herber Schlag. Es herrscht Frust, die
Ungewissheit ist groß. «Es gibt keine Rechtssicherheit», sagt
Christian Kohnen, Schreinermeister aus Tönisvorst. Er nimmt weiterhin
Anträge aus Großbritannien an und hofft wie seine Kunden darauf, dass
sich die Regeln noch mal ändern. Doch die Aussichten sind vorerst
schlecht. Zuwanderung sei nicht die Antwort auf den Fachkräftemangel,
heißt es aus dem Innenministerium in London.

«Die Regierung möchte sicherstellen, dass sich die Arbeitgeber darauf
konzentrieren, in die Qualifizierung unserer eigenen Arbeitskräfte zu
investieren und die Abhängigkeit von Arbeitskräften aus Übersee zu
verringern», teilt das Ministerium auf Anfrage mit. Viele
Arbeitnehmer stünden vor einer unsicheren Zukunft. «Hier sollte der
erste Rückgriff für Arbeitgeber mit offenen Stellen stattfinden,
anstatt die Einwanderung als primäre Lösung zu betrachten.»

Etwas Hoffnung macht, dass die Regierung für Mai 2022 die Einführung
eines neuen «Global Business Mobility»-Visums versprochen hat. Doch
bis dahin drohen die Brexit-Hindernisse, das Geschäft auszutrocknen.
Das ganze Ausmaß wird wohl erst in wenigen Monaten zu sehen sein -
wenn die Bekämpfung der Corona-Pandemie reibungsloses Reisen wieder
erlaubt. Dann werden wohl einige Handwerker merken, dass ihnen
Großbritannien verschlossen ist.



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