Sri Lanka: Demonstranten setzen Dutzende Häuser in Brand

10.05.2022 17:45

Colombo (dpa) - Auf Sri Lanka hat die Armee protestierende
Regierungskritiker abgehalten, die Residenz des zurückgetretenen
Premierministers Mahinda Rajapaksa zu stürmen. Sie setzen dazu in der
Nacht auf Dienstag Tränengas ein und gaben Warnschüsse ab, wie die
Polizei des Inselstaats südlich von Indien mitteilte. Insgesamt
wurden im Zuge der Proteste mehr als 70 Häuser und Büros von
Mitgliedern der Familie des Premiers und des Präsidenten Gotabaya
Rajapaksa, seines Bruders, sowie von ehemaligen Ministern und
Parlamententsabgeordneten angezündet. Sie brannten komplett nieder.
Überdies seien mehr als 150 Fahrzeuge beschädigt worden.

Der Premier habe seine Residenz verlassen, hieß es. Er war am Montag
inmitten von Anti-Regierungsprotesten angesichts der schlimmsten
Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten zurückgetreten. In dem Staat mit
etwa 22 Millionen Einwohnern mangelt es an Treibstoff, Lebensmitteln
und Medikamenten. Dem hoch verschuldeten Land fehlt das Geld für
Importe.

Der Rücktritt hat viele Protestierende allerdings nicht besänftigt.
Sie fordern weiter auch den Rücktritt des Präsidenten. Kurz vor dem
Rücktritt stießen Anti-Regierungsdemonstranten und Anhänger der
Regierung am Montag zusammen.

Es gab nach Polizeiangaben seit Montag mindestens sechs Tote, mehr
als 200 Verletzte wurden in ein Krankenhaus gebracht. Anschließend
verkündete das Verteidigungsministerium eine Ausgangssperre und
forderte die Menschen auf, vorerst zu Hause zu bleiben. Ausnahmen
gebe es nur für Menschen in unverzichtbaren Berufen, etwa im
Gesundheitssektor, in der Telekommunikation, in den Medien oder im
Export, hieß es.

Die EU kritisierte scharf, dass Gewalt gegen die Demonstranten
angewendet worden sei. «Die EU verurteilt den jüngsten brutalen
Angriff auf friedliche Demonstranten in Colombo, der weitere Gewalt
auslöste», teilte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell am Dienstag
mit. Ein Monat friedlicher Demonstrationen habe - trotz einiger
vereinzelter Zwischenfälle - gezeigt, dass die Menschen in Sri Lanka
in der Lage seien, ihr Recht auf freie Meinungsäußerung friedlich
auszuüben.

Nach Angaben von Borrell ist auch ein Mitglied des Parlaments
gestorben. Die EU bedauere den Verlust von Menschenleben und die hohe
Anzahl Verletzter und rufe alle Parteien dazu auf, keine Gewalt zu
netzen. Borrell forderte im Namen der EU zudem die Behörden dazu auf,
Ermittlungen einzuleiten und die für die Gewalt Verantwortlichen zur
Rechenschaft zu ziehen.

Am Dienstag sollten sich Abgeordnete im Parlament treffen, um einen
neuen Premierminister zu bestimmen. Mit dem Rücktritt des
Regierungschefs verloren auch alle Minister ihre Posten. Wenn ein
neuer Premierminister bestimmt ist, soll der Präsident neue Minister
auswählen. Diese sollen dann eine Übergangsregierung stellen.

Sri Lankas Regierung bezahlt ihre hohen Schulden vorerst nicht zurück
und will diese umstrukturieren. Das Land steht in Gesprächen mit dem
Internationalen Währungsfonds (IWF) und hofft auf weitere finanzielle
Hilfe aus China und Indien.



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