So will die EU Engpässe bei Fiebersaft & Co. verhindern von Ann-Kristin Wenzel, dpa

12.05.2026 14:25

Diesen Satz hört niemand gern in der Apotheke: «Das Medikament ist
gerade leider nicht verfügbar.» Was dagegen helfen soll.

Brüssel (dpa) - Wer Fiebersaft fürs Kind, Schmerzmittel oder ein
bestimmtes Krebsmedikament braucht, hört in der Apotheke mitunter:
«Das Medikament ist gerade leider nicht verfügbar». Oft gibt es zwar

ein Alternativmittel, das aber aus Gründen nicht die erste Wahl war.
Die Europäische Union will solche Engpässe bei wichtigen Medikamenten
mit mehreren Änderungen verhindern. 

Dafür sollen mehr kritische Arzneimittel in der EU hergestellt
werden. Europa soll dadurch weniger abhängig von einzelnen
Lieferanten und der Herstellung außerhalb des Kontinents werden. 

Auch in Deutschland kommt es immer wieder zu Arznei-Engpässen, etwa
bei Schmerz- und Diabetesmitteln oder Antibiotika. Im Januar gab das
Bundesgesundheitsministerium einen Versorgungsmangel bei bestimmten
Antibiotika bekannt. Behörden können dadurch befristet ein leichteres
Ausweichen auf importierte Produkte ermöglichen.

2022 waren Paracetamol-Fiebersäfte für Kinder knapp. Danach lockerte
die Politik bereits Preisregeln für Kinderarzneien und schrieb
größere Arznei-Vorräte vor. Zumindest bei Kinderarzneien sank die
Zahl der Engpässe daraufhin laut einer im Dezember veröffentlichten
Auswertung des Pharmaverbands Pro Generika. 

Von Asien abhängig

Ein Problem ist grundsätzlich: Viele Wirkstoffe, die für Europa
bestimmt sind, werden im kostengünstigeren Asien produziert, vor
allem in China und Indien. Fertigungsprobleme, Verunreinigungen oder
Probleme bei der Lieferung wie etwa in der Corona-Pandemie können so
auch die Versorgung in Europa treffen. 

Um die Herstellung in Europa zu stärken, soll nun unter anderem bei
der Vergabe öffentlicher Aufträge angesetzt werden. Unterhändler des

Europäischen Parlaments und der Mitgliedstaaten einigten sich in der
Nacht auf Dienstag darauf, was sich ändern soll. Im Fall von
wichtigen Arzneimitteln, bei denen es eine hohe Abhängigkeit von
einem oder wenigen Ländern gibt, sollen bei öffentlichen Aufträgen
künftig grundsätzlich in Europa hergestellte Medikamente bevorzugt
werden. So sollen Anreize für sichere Lieferketten geschaffen
werden. 

Die vorläufige Einigung sieht vor, dass es verschiedene Möglichkeiten
gibt, diese Medikamente zu bevorzugen. «Dazu gehört, dass Lieferanten
proportional zu dem Anteil der in der EU hergestellten Arzneimittel
und deren pharmazeutischer Wirkstoffe vergütet werden», teilte das
Parlament mit. Im Arzneimittelsektor in der EU sind laut Kommission
rund 800.000 Menschen beschäftigt. 

Wichtige Medikamente zusammen beschaffen

Sogenannte strategische Projekte sollen zudem schneller genehmigt
werden und leichter Zugang zu Förderung bekommen. Mehrere Länder
können sich zudem zusammenschließen und gemeinsam wichtige
Medikamente beschaffen. Das betrifft unter anderem Arzneimittel für
seltene Erkrankungen, bei denen sonst laut Kommission der Markt
versagt. 

Mit kritischen Arzneimitteln sind laut EU-Kommission Medikamente
gemeint, «bei denen es nur wenige oder gar keine Alternativen gibt
und bei denen die Patientinnen und Patienten durch
Versorgungsengpässe ernsthaft geschädigt würden». Dazu gehören
demnach unter anderem Antibiotika und Antithrombotika,
Krebstherapeutika und Herz-Kreislauf-Mittel. Sie sind in einer Liste
aufgeführt. 

Eine verpflichtende Umverteilung kritischer Arzneimittel zwischen
Mitgliedstaaten soll anders als zwischenzeitlich diskutiert nicht
eingeführt werden. Die Länder können dies aber freiwillig tun. Sie
wollen zudem Informationen über Notfallbestände austauschen. Nach
Angaben des Parlaments gibt es große Unterschiede, welche
Arzneimittel in den einzelnen EU-Staaten verfügbar sind.

Bevor die Regeln in Kraft treten können, müssen sie noch vom
Europaparlament und den EU-Staaten bestätigt werden. Normalerweise
gilt das als Formsache, wenn sich die Unterhändler der Institutionen
zuvor auf einen Kompromiss geeinigt haben.

Ersatz zu suchen kostet Zeit

CDU-Gesundheitspolitiker Peter Liese nannte die Einigung einen extrem
wichtigen Schritt «für die Lösung eines extrem großen Problems».

«Viele Patientinnen und Patienten leiden darunter, dass das für sie
vorgesehene Medikament nicht lieferbar ist. Medizinisches Personal
verbringt unzählige Stunden damit, Ersatz zu beschaffen», teilte der
Arzt mit. 

Auch in Apotheken ist der Aufwand nach Angaben der Bundesvereinigung
Deutscher Apothekerverbände (ABDA) groß: «Das Management von
Lieferengpässen verursacht einen Zeitaufwand für das
Apothekenpersonal, der in Deutschland pro Apotheke im Durchschnitt
bei mehr als 20 Stunden in der Woche liegt», teilte Mathias Arnold,
Leiter der Europadelegation der ABDA, mit. 

Tiemo Wölken, gesundheitspolitischer Sprecher der Europa-SPD,
begrüßte unter anderem, dass die EU Risiken künftig früher erkennen

und koordinierter handeln könne, um Engpässe zu verhindern. 

Patienten in Europa sollen sich keine Sorgen darüber machen müssen,
ob wichtige Arzneimittel in ihrer Apotheke oder ihrem Krankenhaus
verfügbar sind, teilte der zyprische Gesundheitsminister, Neophytos
Charalambides, mit. Sein Land hat derzeit die rotierende
EU-Ratspräsidentschaft inne und organisierte deshalb wichtige
Beratungen zum Thema.