iPhones in EU ohne KI-Siri - Apple greift Kommission an Von Andrej Sokolow, dpa
09.06.2026 08:04
Apple macht einen neuen Anlauf bei Künstlicher Intelligenz - doch
Nutzer in der EU bekommen auf iPhones und iPads keinen Zugang zu
vielen neuen Funktionen. Der Konzern kritisiert die EU-Kommission.
Cupertino (dpa) - Apple wirft der EU-Kommission vor, mit Forderungen
nach einer vollständigen Öffnung seiner iPhones und iPads für
KI-Assistenten anderer Anbieter die Privatsphäre der europäischen
Nutzer zu gefährden. Der Konzern entschied, stattdessen die neue
Version seiner Assistenzsoftware Siri mit Künstlicher Intelligenz auf
iPhone und iPad nicht in der Europäischen Union verfügbar zu machen.
Auf Mac-Computern und der Computer-Brille Vision Pro werden auch
europäische Nutzer darauf zugreifen können, weil Apple in diesen
Segmenten nicht als «Gatekeeper» mit viel Marktmacht eingestuft
wurde.
Apple habe der Kommission die Risiken eines «wirklich
uneingeschränkten» Zugangs von Assistenten anderer Anbieter zum
gesamten Betriebssystem und allen Informationen erklärt, sagte
Marketingchef Greg Jozwiak. «Aber sie haben unsere Bedenken komplett
zurückgewiesen.» Apple habe auch bereits im vergangenen Jahr einen
konkreten Vorschlag für eine technische Lösung vorgelegt, mit der aus
Sicht des Konzerns die Zugangsanforderungen erfüllt und zugleich der
Datenschutz gewahrt geblieben wäre. Die Kommission habe ihn jedoch
abgelehnt, ohne sich damit auseinanderzusetzen.
Das EU-Digitalgesetz DMA (Digital Markets Act) schreibt unter anderem
vor, dass als Gatekeeper eingestufte Unternehmen Konkurrenten den
gleichen Zugang zu ihren Plattformen bieten müssen wie ihren eigenen
Diensten. Apple argumentiert, die neue KI-Siri sei so
datenschutzfreundlich umgesetzt, dass der Konzern selbst dabei keinen
Zugriff auf die Informationen der Nutzer bekomme. Der Apple-Vorschlag
für andere Anbieter sieht demnach vor, dass nach einem ähnlichen
Muster deren KI-Modelle zwar Anfragen der Nutzer erfüllen könnten,
aber keine Daten behielten. Dieser Plan sei weiterhin auf dem Tisch.
Nützlich durch Personalisierung
Apple stellte die neue Siri mit Künstlicher Intelligenz am Montag auf
der hauseigenen Entwicklerkonferenz WWDC vor. Die Software soll sich
von anderen KI-Angeboten dadurch abheben, dass sie besonders tief ins
Leben der Nutzer eingebettet ist.
Als ein Beispiel einer Frage, die man der neue Siri stellen könne,
nennt Apple etwa: «Wie hieß der Podcast, den mir meine Schwester
neulich empfohlen hat?» Um dies zu beantworten, muss die Software
unter anderem die E-Mail oder Textnachricht kennen, in der der Name
des Podcasts gefallen sein könnte, richtig die Unterhaltung verstehen
- und zunächst einmal wissen, wer in den Kontakten die Schwester ist.
Ein weiterer Vorteil vieler Angebote aus einer Hand: Danach kann man
Siri auch gleich bitten, den Podcast abzuspielen.
Apple schürt Nutzer-Erwartungen
«Wenn das alles funktioniert, ist es die KI, die die Leute wollen»,
sagt Branchenexperte Avi Greengart von der Analysefirma
Techsponential. Die Vorsicht ist nicht unbegründet: Ursprünglich
kündigte Apple eine Siri mit ähnlichen Fähigkeiten bereits auf der
WWDC vor zwei Jahren an. Doch im Jahr darauf musste der Konzern
einräumen, dass die Software nicht verlässlich genug sei. Danach
wurde die technische Basis umgebaut - unter anderem mit Verwendung
von KI-Modellen des Rivalen Google. Apple betont aber, dass der
Internet-Riese dabei keinen Zugang zu Nutzerdaten bekomme.
Analyst Francisco Jeronimo von der Marktforschungsfirma IDC sieht in
der neuen KI-Siri eine strategische Weichenstellung für Apple: Sie
könne der neue Weg werden, über den Nutzer mit iPhones und künftigen
Gerätekategorien des Konzerns interagieren. Zugleich müsse Apple nun
aber auch die Erwartungen der Nutzer erfüllen: Kunden werden Siri
danach bewerten, ob sie sie verstehe, und die Personalisierung sich
nützlich und nicht aufdringlich anfühle.
Eine App für Siri
Erstmals bekommt Siri, die vor rund 15 Jahren als Sprachassistentin
auf iPhones kam, eine eigenständige App. Apple-Manager Mike Rockwell
zeigte in einer aufgezeichneten Demonstration, wie die neue Siri den
Termin des nächsten Konzerts einer Musikerin in der Nähe sowie
Informationen zum Ticket-Verkauf heraussuchen, eine Erinnerung
erzeugen und danach auf Wunsch einen ihrer neuen Songs abspielen
kann.
Zunächst wird die neue KI-Siri nur auf Englisch angeboten. Weitere
Sprachen sollen «schnell» folgen, sagte Software-Chef Craig
Federighi. Zunächst gibt es eine Testversion der neuen Software für
Entwickler. Allgemein eingeführt werden die neuen Programme und
Funktionen traditionell ab Herbst.
Nutzer kauften Apple-Geräte trotz KI-Verzögerung
Während Apple mit den Siri-Problemen kämpfte, überboten sich Google
als Entwickler des konkurrierenden Mobil-Betriebssystems Android und
der große iPhone-Rivale Samsung mit Ankündigungen immer neuer
KI-Assistenzfunktionen. Gemessen daran wirkte Apple im Rückstand -
den Kunden schien das jedoch egal zu sein. Die Verkäufe der
Apple-Geräte stiegen weiter und das iPhone schubste nach Berechnungen
von Marktforschern Samsung nach vielen Jahren vom Smartphone-Thron.
Federighi erlaubte sich zugleich einen Seitenhieb gegen Unternehmen
die in einem Wettlauf «KI im Namen von KI» verfolgten und dabei nicht
die Interessen der Nutzer beachteten.
Abschiedsrunde für Cook
Es ist die letzte WWDC für Tim Cook als Konzernchef. Im September
soll der bisher für Geräte zuständige Top-Manager John Ternus die
Führung übernehmen.
