EU-Experte: Gefahr von Terroranschlägen bleibt hoch
21.03.2010 04:00
Brüssel (dpa) - Die Gefahr terroristischer Anschläge in Europa ist
unverändert hoch. «Auch wenn Europa nicht mehr Ziel von Anschlägen
war, heißt das nicht, dass es keine Bedrohung mehr gibt», warnte der
Koordinator für Terrorismusbekämpfung der EU, Gilles de Kerchove, in
einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa in Brüssel.
«Dieser Eindruck entspricht nicht der Wahrheit.» Zwar sei die Zahl
der Anschläge und Attentatsversuche gesunken, doch Al-Kaida und
andere islamistische Gruppen seien immer noch sehr aktiv.
Die letzten großen Terroranschläge in Europa liegen schon Jahre
zurück. 2004 starben bei Bombenattentaten auf Vorortzüge in der
spanischen Hauptstadt Madrid 191 Menschen. 2005 kamen in London bei
Selbstmordanschlägen in der U-Bahn 56 Menschen ums Leben. Nach Madrid
hatte die EU den Posten des Anti-Terror-Koordinators geschaffen; de
Kerchove ist seit 2007 im Amt.
Der EU-Experte zählt Deutschland neben Spanien und Großbritannien
zu den Ländern mit dem höchsten Risiko. «Das Bedrohungsszenario
verschiebt sich laufend.» Wenn die Behörden eines Landes besonders
intensiv gegen Islamisten vorgingen, wechselten sie rasch das Land.
Großbritannien und die Niederlande hätten zuletzt ihre
Sicherheitsstufe heruntergesetzt. «Man kann nicht jederzeit das
höchste Level halten, weil es zu viel kostet und die Aufmerksamkeit
der Menschen nachlässt.»
In Deutschland geht nach Ansicht des EU-Experten Gefahr von zwei
Gruppen aus: Auf der einen Seite gebe es viele terrorbereite
Islamisten mit deutschem Pass, die in Camps im Ausland geschult
würden und dann nach Deutschland zurückkämen. «Deren Zahl ist
durchaus bedeutend», sagte de Kerchove, ohne sie genau zu beziffern.
Auf der anderen Seite wachse die Zahl der zum Islam übergetretenen
jungen Männer mit radikalen Vorstellungen. «Es gibt durchaus Gründe,
besorgt zu sein», sagte der Belgier.
Der Terrorismus breite sich vor allem in Afghanistan, Pakistan,
dem Jemen, Somalia und der Sahel-Zone aus - schwache Regionen, die
wegen wachsender Armut anfällig für die Rhetorik der Islamisten
seien. Der Attentäter des vereitelten Anschlags auf ein Flugzeug in
Detroit im Dezember 2009 war in einem Camp im Jemen ausgebildet
worden.
Nach Ansicht de Kerchoves müssen die EU-Staaten im Kampf gegen den
Terrorismus den Entwicklungsländern unter die Arme greifen: «Das
heißt: Entwicklungspolitik in Form von Präventionsprogrammen gegen
Radikalisierung.» Zum Beispiel gebe es in Bangladesch viele junge
Männer ohne jede Zukunftsperspektive. «Ihre einzige Ausbildung
besteht darin, den Koran auf Arabisch auswendig zu lernen. Das
verschafft ihnen später keinen Job.» Die weltweite Wirtschaftskrise
verschlimmere die Lage. «Die EU-Staaten fahren ihre Ausgaben für
Hilfsprogramme herunter - dabei müssen wir mehr helfen.» Gespräch:
Marion Trimborn, dpa
dpa mt xx a3 k6 jf
