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Als die Griechen Deutschland seine Schulden erließen

19.09.2011 12:09

Von Christine Cornelius, dpa
(Mit Bild) =

Griechenland hängt am Tropf Deutschlands und der anderen reichen
EU-Länder. Aber auch die Bundesrepublik brauchte schon einmal
internationale Finanzhilfe: 1953 wurde Deutschland entschuldet -
unter anderem war Griechenland beteiligt.

Berlin (dpa) - Viele Deutsche fühlen sich vom hoch verschuldeten
Griechenland geschröpft - sie empfinden sich als Zahlmeister. Was
kaum einer weiß: Vor gar nicht allzu langer Zeit ging es Deutschland
finanziell selbst so schlecht, dass es international entschuldet
werden musste. Am 27. Februar 1953 unterzeichneten zahlreiche Länder
das Londoner Schuldenabkommen - darunter auch Griechenland.

«Damals hat man uns geholfen, das muss man den Menschen schon mal
ins Gedächtnis rufen», findet Historikerin Ursula Rombeck-Jaschinski
von der Uni Düsseldorf. «Als Staat kann man immer mal in Situationen
kommen, in denen man auf die Hilfe anderer Staaten angewiesen ist.»

Das Abkommen über die deutsche Auslandsverschuldung wurde in
London zwischen Deutschland und Vertretern der USA, Großbritanniens
und Frankreichs geschlossen. Anwesend waren Beobachter und Vertreter
aus mehr als 20 weiteren Staaten für rund 60 Gläubigerstaaten.
Griechenland habe das Abkommen zwar unterschrieben, sei aber nicht an
den Verhandlungen beteiligt gewesen, sagt Rombeck-Jaschinski.

Unter anderem hatte das Deutsche Reich mit Ausbruch des Zweiten
Weltkriegs 1939 sämtliche Zahlungen an englische und französische
Gläubiger eingestellt. Seit der Kriegserklärung an die USA 1941 war
auch auf amerikanische Konten kein Geld mehr geflossen. Nach dem
Krieg wollte die Staatengemeinschaft die wirtschaftlichen Beziehungen
zwischen Deutschland und den Gläubigerstaaten wiederherstellen. Dabei
ging es vor allem auch um die Kreditwürdigkeit der Bundesrepublik.
Mithilfe des Londoner Abkommens sollten Deutschlands Schulden
beseitigt werden. Verhandelt wurde über 13,5 Milliarden D-Mark, davon
erließ die Staatengemeinschaft 6,2 Milliarden.

«Auch die Hälfte der Schulden war schon an der Schmerzgrenze»,
erläutert Werner Abelshauser, Professor für Wirtschaftsgeschichte an
der Uni Bielefeld. Doch dann kam das Wirtschaftswunder, Deutschland
florierte. «Weil die Deutschen wider Erwarten reich geworden waren,
konnten sie vorzeitig ihre Schulden zurückbezahlen», sagt der
Experte. Dank des Abkommens sei die Bundesrepublik wieder voll
kreditfähig gewesen. Die Hauptkonferenz begann Anfang 1952. Der
damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) hatte den Finanzfachmann
Hermann Josef Abs zum Delegationsleiter ernannt.

Ein direkter Vergleich mit Griechenlands derzeitiger Lage ist nach
Ansicht des Historikers Ekkehard Kraft aber schwierig. «Es ist eine
ähnliche Situation, die aber in einem ganz anderen historischen
Kontext steht - die damalige Situation war durch den Krieg bedingt.»
Trotzdem glaubt der Griechenland-Experte: «Wenn das Londoner Abkommen
bekannter wäre, würden die Deutschen in Bezug auf Griechenland
vielleicht etwas weniger überheblich sein - sie wüssten dann, dass es
auch hier schon einmal ähnlich war.» Die Diskussion um Griechenland
würde vielleicht etwas sachlicher und weniger emotional geführt
werden, vermutet Kraft.

Auch Abelshauser sieht gravierende Unterschiede zwischen
Deutschland nach dem Krieg und Griechenland heute. «Die Deutschen
waren zwar arm, aber sie waren nicht unterentwickelt», sagt er. «Sie
hatten keine maroden Institutionen, wie es in Griechenland
bekanntlich der Fall ist.» Was müssten die Griechen denn tun, wenn
sie sich an dem historischen Vorbild orientieren wollten? Dann
müssten sie nach Ansicht des Experten aus der Euro-Zone austreten und
die Drachme entscheidend abwerten. «Dann müssten sie mit den
Gläubigern um einen Schuldenerlass verhandeln. Aber das tun sie ja
nicht.» Die Griechen wollten gar nicht entschuldet werden.

Das Londoner Abkommen war damals umstritten. «Viele befürchteten
anfangs, Deutschland könne das vielleicht gar nicht alles bezahlen»,
sagt Historikerin Rombeck-Jaschinski. Angesichts der Milliardenlasten
war die Stimmung vor Abschluss der Verhandlungen recht pessimistisch
- wie eine Bemerkung des damaligen Finanzministers Fritz Schäffer
(CSU) an den Delegationsleiter zeigt: «Herr Abs, wenn Sie es schlecht
machen, werden Sie an einem Birnbaum aufgehängt, wenn Sie es gut
machen, an einem Apfelbaum.»

# dpa-Notizblock

## Internet
- [Lexikoneintrag Londoner Schuldenabkommen](http://dpaq.de/CS9YL)
- [Originaltext Abkommen](http://dpaq.de/hmEtc)
- [50 Jahre Abkommen, Wertpapierverwaltung](http://dpaq.de/XREE8)






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