Wein anbauen, Schnecken züchten: Junge Griechen fliehen aufs Land Von Christine Pirovolakis, dpa
31.10.2011 14:52
Weg mit Hemd und Business-Bluse, rein in derbe Arbeitskleidung: Viele
junge Griechen zieht es wieder in die Dörfer ihrer Vorfahren. Die
Landwirtschaft gibt zumindest etwas Hoffnung. Viele andere ziehen ins
Ausland.
Athen (dpa) - Eine solche Zukunft hätte er für sich nie für
möglich gehalten - dass er einmal auf einem staubigen, heißen Feld
arbeiten würde. Doch der Börsenmakler Giannis Pantoulis ist heute
Weinbauer. Vor zwei Jahren packte er seine Familie und sein Hab und
Gut in einen Lkw und zog zurück in das Dorf seines Vaters im Norden
Griechenlands. Er habe das Platzen der griechischen Schuldenblase
kommen sehen und rechtzeitig aussteigen wollen, sagt Pantoulis. Heute
schwitzt der 40-Jährige in seinem Weinberg statt über Aktienkursen.
«Anfangs dachten alle, ich sei verrückt», erzählt er. Tatsächl
ich
sei der Neuanfang hart gewesen. Und es brauche Jahre, bis Weinanbau
profitabel sei. «Aber jetzt sehen viele, dass es in den großen
Städten nichts für uns gibt. Unsere Politiker haben uns hängen
lassen.» Auch viele andere wollten jetzt weg aus Athen, Thessaloniki
oder Patras: «Die Situation ist hoffnungslos.»
Die Fakten sind deprimierend: Die Lebenskosten für die Griechen
steigen, doch Löhne und Pensionen sind immer neuen Kürzungen
unterworfen. Die Arbeitslosigkeit erreicht Höchststände: Laut
neuesten Zahlen waren im Juli offiziell 17,6 Prozent der Griechen
ohne Job. Besonders hart betroffen sind junge Menschen: Zwischen 15
und 24 Jahren sind knapp über 40 Prozent arbeitslos. Kein Wunder,
dass die Anti-Schulden-Maßnahmen der Regierung auf immer größeren
Widerstand in der Bevölkerung treffen.
Fast 60 Prozent der Griechen seien gegen das neueste
EU-Hilfspaket, heißt es in einer kürzlich von der Tageszeitung «To
Vima» veröffentlichten Umfrage. Die EU-Maßnahmen verletzten die
Souveränität Griechenlands, das Land gerate immer stärker in den
Würgegriff internationaler Geldgeber. Und das Schlimmste: Besserung
ist nicht in Sicht.
Eine Rückkehr aufs Land erscheint da als ein Ausweg. Fast
60 000 Griechen taten diesen Schritt in den vergangenen zwei Jahren.
Damit kehren sie einen jahrzehntelangen Trend um. Die Vorfahren der
Neu-Bauern hatte es in die Städte gezogen, viele ließen damals
Grundbesitz zurück. Dorthin treibt es viele nun.
Dimitris Michaelidis vom griechischen Verband junger Bauern sieht
weiter steigendes Interesse. Immer mehr Menschen ohne Arbeit suchten
eine regelmäßige Beschäftigung und geringere Lebenshaltungskosten -
ein Bauernhof biete genau das, meint er. «Wir können kaum den
Anfragen nachkommen.» Die Leute wollten etwa wissen, «was wo am
besten wächst».
Die 30-jährige Marketingexpertin Evi Papadimitriou züchtet
neuerdings Schnecken. «Ich konnte es mir nicht länger leisten, in
Athen zu wohnen, und meine Familie hatte dieses lange aufgegebene
Stück Land», erzählt sie. Große Erwartungen hat sie nicht: «Falls
ich
es schaffe, davon zu leben, bin ich schon glücklich.»
Strand statt Büro: Der 22 Jahre alte Computerfachmann Mammas
Pashalis taucht im Mittelmeer nach Schwämmen, um irgendwie über die
Runden zu kommen. Im gelernten Beruf hat er keine Arbeit gefunden,
jetzt hilft er seinem Vater, der am Strand von Rhodos einen kleinen
Stand betreibt. Ein Broterwerb ist das bestenfalls, mehr nicht.
Andere wollen weiter weg. Vor Jahrzehnten waren es Hunderttausende
Arbeiter und Bauer, die aus Griechenland vor allem in die USA und
nach Australien zogen. Heute sind es dagegen vor allem junge,
gebildete Griechen, die das Land verlassen. Die stark sinkenden
Einkommen und eine Jugendarbeitslosigkeit von geschätzten 28 Prozent
für 2011 treiben sie fort. Nicht zuletzt fliehen sie vor der
Schuldenlast, die die Elterngeneration angehäuft hat.
Das Internet ist voll mit Tipps für potenzielle Auswanderer. Nach
Angaben der internationalen Arbeitsagentur haben im September mehr
als 13 000 Griechen ihre Lebensläufe ins Netz der Agentur gestellt.
Noch im September 2008 waren es lediglich 2200. Fast zwei Drittel der
Bewerber seien unter 30.
Die Biologin Evgenia Tsakili ist eine von ihnen. Sie hat so Arbeit
in einem Forschungslabor auf Zypern gefunden. «Ich konnte in
Griechenland keinen Job finden, und ich glaube, die Situation wird
sich in den nächsten Jahren nicht verbessern», sagt sie.
Das Frankfurter Büro des World Council of Hellenes Abroad, einer
Organisation für Auslandsgriechen, wird mit Anfragen überhäuft. Die
Mehrheit der Anrufer seien junge, gebildete, aber arbeitslose Leute
zwischen 30 bis 35, erzählt Giorgos Amarantidis. «Sie wollen in
Deutschland arbeiten und suchen unseren Rat und Hilfe.»
Nach seinen Schätzungen sind etwa 4000 Griechen in den vergangenen
drei Monaten nach Deutschland gekommen - viele ohne konkrete Aussicht
auf einen Job. «Ich sage ihnen als allererstes, dass sie Deutsch
lernen müssen. Sie sind hier im Wettkampf mit hochgebildeten
Arbeitern aus der ganzen Welt».
Junge Griechen seien entsetzt vom Zustand des griechischen Staats
und hätten das Vertrauen in das System verloren. «Und sie sagen, dass
sie nicht nach Griechenland zurückkehren werden.»
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- ergänzt: aktuelle Arbeitslosenzahlen
## Internet
- [World Council Of Hellenes Abroad](http://dpaq.de/HepCd)
