Klamme Banken retten Staaten - die EZB macht es möglich Von Hannes Breustedt, dpa-AFX (Mit Bild)

02.02.2012 08:28

Frankfurt/Main (dpa) - Verkehrte Finanzwelt: Nachdem Staaten im
Zuge der Finanzkrise Banken gerettet haben, findet das Spiel nun in
umgekehrter Reihenfolge statt. Dabei stehen viele Geldinstitute
selbst mit dem Rücken zur Wand. Was paradox klingt, wird durch
Geldspritzen der Europäischen Zentralbank (EZB) in beispielloser Höhe
möglich.

«Wir haben eine schwere Kreditkrise verhindert», sagte EZB-Chef
Mario Draghi auf dem Weltwirtschaftsforum im Schweizer Ski- und
Kurort Davos, wo sich einmal im Jahr die internationale Machtelite
trifft. Draghis Worte beziehen sich auf eine Radikalmaßnahme aus dem
Dezember: Damals hatte die EZB den Geschäftsbanken der Eurozone in
Form von Krediten über den ungewöhnlich langen Zeitraum von drei
Jahren eine Geldspritze von fast 500 Milliarden Euro gesetzt - und
das nach aktuellem Stand zum Mini-Zins von 1,0 Prozent. Obwohl
offiziell nicht beabsichtigt, lädt die Notenbank damit zu einem
lukrativen Geschäft ein.

Banken der Eurozone können die günstigen Kredite nutzen, um
staatliche Schuldverschreibungen zu kaufen, die deutlich höher
verzinst sind. Was sie offensichtlich auch in großem Stil tun: Die
Lage am Anleihenmarkt hat sich seit Jahresbeginn deutlich entspannt,
und die gefürchteten Refinanzierungsprobleme der Krisenländer sind
bislang ausgeblieben.

Mit Irland konnte sich in der vergangenen Woche sogar ein Staat am
Kapitalmarkt Geld besorgen, der unter dem Euro-Rettungsschirm steht
und bis vor kurzem bei Investoren abgemeldet war. Daten des größten
irischen Brokers Davy zeigen, dass vor allem die inländischen
Geschäftsbanken bei der Auktion zugeschlagen haben.

Auch in den großen Euro-Krisenländern Italien und Spanien stellen
derzeit vor allem die heimischen Geldinstitute die Refinanzierung
sicher, indem sie sich mit Schuldverschreibungen ihrer Staaten
eindecken. Davon gehen zumindest etliche Experten aus. «Die
Peripherieländer profitieren von der enormen Liquiditätsflut der EZB,
insbesondere da das Risiko bei kurzlaufenden Anleihen abgesichert
ist», sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Die Erholung an den

europäischen Staatsanleihenmärkten dürfte somit zunächst anhalten.


Doch der Vorgang ist umstritten: Mit den Banken streichen
ausgerechnet Vertreter eben der Branche nahezu risikolose Gewinne
ein, die vor rund drei Jahren mit ihren riskanten Geschäften die
gesamte Weltwirtschaft an den Abgrund führte. Warum gibt die EZB das
Geld nicht direkt den Krisenländern? Die Notenbank darf keine direkte
Staatsfinanzierung betreiben, deshalb können die Mittel, wenn
überhaupt, nur über Umwege fließen.

Doch auch die nachhaltige Wirkung der Notfallmaßnahme wird
angezweifelt. «Die EZB-Aktionen haben Zeit gekauft, doch nun muss
gehandelt werden», sagte Weltbankchef Robert Zoellick in Davos.
Ohnehin stellt sich angesichts der kritischen Lage im Bankensektor
der Eurozone die Frage, inwieweit ein kranker Patient dem anderen bei
der Heilung helfen kann.

Etliche Geldhäuser haben nach wie vor eine unzureichende
Kapitalausstattung. Das gilt gerade für die Institute aus den
Euro-Krisenländern. Doch gerade auf sie müssen sich die Staaten
verlassen, wenn sie über Anleihen frisches Geld am Kapitalmarkt
aufnehmen wollen. Kann das längerfristig überhaupt gutgehen?

Auf jeden Fall wird die EZB den Banken im Euroraum Ende Februar
erneut unbegrenzt Geld zu unschlagbar günstigen Konditionen anbieten.
Wie die «Financial Times» berichtete, könnte die Nachfrage nach
Zentralbankgeld mit dreijähriger Laufzeit etwa doppelt so hoch
ausfallen wie im Dezember. Die Notenbank würde demnach fast eine
Billion (1 000 000 000 000) Euro verteilen.

Das könnte reichen, um die Banken vorerst auf der Käuferseite des
Anleihe- und Geldmarkts zu halten. «Sollte sich die Lage weiter
verschärfen, dann wäre die EZB bereit, auch einen dritten und vierten
Tender mit einer Laufzeit von drei Jahren durchzuführen», glaubt
Jürgen Michels, Europa-Chefvolkswirt der Citigroup.

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