Kreditklemme trotz EZB-Geldschwemme? Von Hannes Breustedt und Bernhard Funck, dpa-AFX

03.02.2012 13:38

Befürchtungen werden lauter, dass klamme Banken in der
Euro-Schuldenkrise Unternehmen weniger mit Krediten versorgen
könnten. Für die Konjunktur wäre das Gift. Der Wirtschaftsmotor im
Euroraum stottert bereits.

Frankfurt/Main (dpa) - Die immense Geldschwemme der Europäischen
Zentralbank (EZB) droht Unternehmen und private Haushalte in den
Krisenländern zu verfehlen. Trotz Kapitalspritze der Notenbank in
Rekordhöhe wollen sich die dortigen Banken bei der Kreditvergabe
weiter zurückhalten. Darauf deuten jüngste Umfragewerte der EZB hin.
Zum Jahresende war die Kreditmenge gar so stark rückläufig wie noch
nie seit Gründung des Währungsraums. Droht ein Engpass, der die
ohnehin angeschlagene Euroraum-Konjunktur zusätzlich belastet?

Niemand geringerer als EZB-Chef Mario Draghi fürchtet eine
«schwere Kreditkrise» im Euroraum. Zwar sei das Austrocknen des
Handels zwischen den Banken durch das beherzte Eingreifen der
Notenbank zunächst verhindert worden. «Doch in Teilen der Eurozone
ist die Lage weiterhin ernsthaft beeinträchtigt», sagte Draghi auf
dem Weltwirtschaftsforum in Davos.

Um die gefürchtete Kreditklemme zu verhindern, hatte die Notenbank
bereits im Dezember drastische Maßnahmen ergriffen. Damit die
Geschäftsbanken liquide bleiben, lieh die EZB ihnen kurz vor
Weihnachten fast 500 Milliarden Euro zu äußerst günstigen Konditionen

für drei Jahre, ein bis dato einmaliger Schritt in der noch jungen
EZB-Geschichte. Bereits Ende Februar folgt aber bereits die zweite
Refinanzierungsrunde - dann können die Geschäftsbanken nochmal
Billigkredite in unbegrenzter Höhe aufnehmen. Erneut wird eine starke
Nachfrage erwartet.

«Bessern wird es die aktuelle Lage kaum», sagt Daniel Bendel vom
Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Mit der Bereitstellung der
Gelder werde weder die Schuldenkrise noch die Vertrauenskrise unter
den Banken gelöst. Es sei zu befürchten, dass das frische Geld nicht
zur Kreditvergabe genutzt, sondern wieder bei der Zentralbank
deponiert werde.

In der Tat scheint es fraglich, ob die Flut an frischem Geld
überhaupt bei Haushalten und Unternehmen ankommt und so die
Konjunktur am Laufen hält. Einen Warnschuss sendeten unlängst neue
Zahlen der EZB. Nicht nur, dass sich das Kredit- und
Geldmengenwachstum zum Jahresende hin stark abschwächte. Im
Monatsvergleich war die Kreditvergabe sogar drastisch
rückläufig: Im Dezember sank sie um rund 74 Milliarden Euro und damit
so stark wie noch nie seit Gründung des Währungsraums.

Besonders zurückhaltend zeigten sich die Banken gegenüber den
Unternehmen, die Kreditvergabe sank um 37 Milliarden Euro. Bei den
Verbraucherkrediten fiel der Rückgang etwas moderater aus. Insgesamt
sank die Kreditvergabe noch stärker als während des Krisenjahres
2009, zur Zeit der starken Rezession nach der Pleite der
US-Investmentbank Lehman Brothers.

Auch eine Umfrage der EZB unter den Geschäftsbanken des
Währungsraums fiel zuletzt ernüchternd aus. Demnach haben die
Geldhäuser ihre Konditionen für die Darlehensvergabe im
Schlussquartal 2011 stark verschärft. Auch hier war vor allem das
Kreditgeschäft mit den Unternehmen betroffen.

Warum zeigen sich die Banken trotz der üppigen Mittel-Versorgung
durch die EZB so knauserig? Kreditinstitute fürchten das schwächere
Wirtschaftswachstum im Währungsraum und die europäische
Schuldenkrise. Zudem müssen sie aufgrund erhöhter
Eigenkapitalvorschriften ihre Finanzausstattung aufpolstern. Viele
von ihnen stehen zugleich unter enormem Refinanzierungsdruck. Statt
die EZB-Gelder an die Realwirtschaft weiterzureichen, werden sie zum
Teil als «Vorsichtskasse» gebunkert oder in Staatsanleihen und
Geldmarktpapieren mit kurzen Laufzeiten geparkt.

Ablesen lässt sich dies an der deutlichen Entspannung am
europäischen Anleihemarkt und den steigenden Übernachteinlagen, die
die Geschäftsbanken bei der EZB unterhalten. Zwischenzeitlich hatte
dieser Posten die Marke von 500 Milliarden Euro überschritten. Viele
Marktbeobachter schließen daraus, dass die günstigen EZB-Kredite auf
Umwegen an die Notenbank zurückfließen, um dort als Krisenpuffer
vorgehalten zu werden.

Während etwa die Berenberg Bank den Euroraum auf eine «leichte»
Kreditklemme zusteuern sieht, warnt die US-Bank J.P. Morgan vor einer
vorschnellen Interpretation. So gehe aus den jüngsten Daten nicht
zweifelsfrei hervor, ob der Kreditengpass von der Angebots- oder der
Nachfrageseite herrühre. Mit anderen Worten: Sinkt die Kreditmenge
wegen der zuletzt sehr schwachen Euroraum-Konjunktur oder ist der
angeschlagene Bankensektor dafür verantwortlich?

Die Wahrheit scheint dazwischen zu liegen: Laut EZB-Umfrage
berichteten die Geschäftsbanken zuletzt nicht nur von einem
zurückhaltenden Kreditangebot, sondern auch von einer spürbar
schwächeren Nachfrage nach Krediten. Offensichtlich sorgt das
unheilvolle Gemisch aus Schuldenkrise und Konjunkturschwäche dafür,
dass sich sowohl die Banken bei der Kreditvergabe zurückhalten als
auch Unternehmen und Verbraucher bei Investitionen und Ausgaben
vorsichtiger sind.

Die Situation in den Euro-Ländern ist jedoch sehr unterschiedlich.
So klagen in Deutschland nur wenige Unternehmen über einen schlechten
Zugang zu Krediten, wie jüngste Zahlen des Münchner ifo-Instituts
belegen. «Wir sind überzeugt: Es gibt keine Kreditklemme», sagt auch

KfW-Chef Ulrich Schröder. Die Entwicklung im Währungsraum driftet
jedoch auseinander: In den Krisenländern Südeuropas sieht es ganz
anders aus. Doch gerade dort wäre eine ausreichende Kreditversorgung
extrem wichtig, um auf den Wachstumspfad zurückzufinden und wieder
wettbewerbsfähig zu werden.

# dpa-Notizblock