EU: Russland liefert weniger Gas nach Westen
03.02.2012 16:24
Russland liefert nach EU-Angaben wegen des Eigenbedarfs im
Extremwinter weniger Gas nach Europa. Der russische Staatskonzern
Gazprom widerspricht: Die europäischen Abnehmer forderten viel höhere
Mengen als vereinbart.
Moskau/Brüssel/Essen (dpa) - Europa erhält mitten im eiskalten
Winter weniger Gas aus Russland. Zwar streiten der russische
Staatskonzern Gazprom und westliche Abnehmer sowie die Ukraine als
wichtigstes Transitland über die Ursache für die Kürzungen. Doch alle
Seiten versicherten, es herrsche kein Notstand. Die Verträge
erlaubten Moskau durchaus, die Mengen zu reduzieren, sagte die
Sprecherin von EU-Energiekommissar Günther Oettinger am Freitag in
Brüssel. Verbraucher und Industrie müssten keine Engpässe fürchten.
«Die Erdgaslager in der EU sind voll.»
Gazprom wies jede Schuld von sich. «Die Europäer bitten um mehr,
als wir zu liefern verpflichtet sind», sagte Sergej Komljew vom
Tochterunternehmen Gazprom-Export nach Angaben der Agentur Interfax.
Zuvor hatte Gazprom wie in der Vergangenheit der Ukraine indirekt
vorgeworfen, illegal Gas aus Transitleitungen abzuzapfen. Wegen der
extremen Kälte erreichte der Verbrauch dort Rekordwerte. Die EU
forderte, dass die Ukraine zu allen Transit-Zusagen stehe.
Der deutsche Energieriese Eon reagierte gelassen. «Gazprom liefert
uns heute eine um rund ein Drittel eingeschränkte Gasmenge», sagte
Sprecher Adrian Schaffranietz der Nachrichtenagentur dpa in Essen.
Das Unternehmen sei aber für diesen Fall gut gerüstet. Das Konsortium
Nord Stream, an dem Gazprom die Mehrheit hält, teilte der dpa mit,
die Liefermengen durch die neue Ostsee-Pipeline von Russland nach
Deutschland seien unabhängig von der Eiseskälte stabil.
Die EU beschwichtigte. Jeder Mitgliedstaat habe Vorräte für einen
Monat, sagte Oettingers Sprecherin. Zudem könnten sich Länder bei
anderen Staaten Gas zukaufen. Russland ist der wichtigste
Gaslieferant der EU. Gazprom liefert nach eigenen Angaben wegen der
extremen Kälte mehr Gas als sonst Richtung Westen.
Dagegen sagte der ukrainische Energieminister Juri Boiko in Kiew,
Gazprom pumpe jeden Tag 75 Millionen Kubikmeter weniger Gas in die
Pipelines durch die Ukraine als vereinbart. Die Ex-Sowjetrepublik
beteuert, alle Verträge zu erfüllen. Das finanziell angeschlagene
Land habe allein an den vergangenen drei Tagen wegen der Eiseskälte
etwa eine Milliarde Kubikmeter Gas verfeuert, sagte Regierungschef
Nikolai Asarow. Diese Menge würde sonst zwei Wochen reichen.
«Die Ukraine trägt als Transitland für Erdgas eine besondere
Verantwortung», sagte Präsident Viktor Janukowitsch der «Süddeutsch
en
Zeitung» (Freitag). Er warf Russland vor, mit hohen Gaspreisen die
nationale Sicherheit der Ukraine zu gefährden. Zwischen den
Nachbarländern gibt es immer wieder Streit um Gaslieferungen und
-preise. 2009 hatte ein «Gaskrieg» zu wochenlangen Engpässen auch in
der EU geführt. Danach hatten die EU-Staaten ihre Lager ausgebaut und
nach Alternativen gesucht.
Nach EU-Angaben ist die Liefermenge besonders in Österreich
dramatisch gesunken, wo 30 Prozent weniger Gas angekommen seien als
gewöhnlich. Italien klagte über eine Kürzung von 29 Prozent.
# dpa-Notizblock
## Orte
- [Energieministerium](Kreschtschatik Boulevard 30, Kiew, Ukraine)
- [Gazprom](Uliza Namjotkina 16, Moskau, Russland)
- [Eon](Brüsseler Platz 1, 45131 Essen)
