Historischer Schritt: EZB senkt Leitzins erstmals unter ein Prozent

05.07.2012 13:49

Banken im Euroraum kommen so günstig an Geld wie nie. Im Kampf gegen
Wirtschafts- und Schuldenkrise öffnet die EZB die Geldschleusen noch
weiter. Der Leitzins sinkt auf 0,75 Prozent. Das ist der niedrigste
Stand in der Geschichte der Währungsunion.

Frankfurt/Main (dpa) - Das Geld im Euroraum ist so billig wie nie
- zumindest für Banken: Erstmals seit Einführung des Euro 1999 fällt

der Leitzins unter ein Prozent. Der Rat der Europäischen Zentralbank
(EZB) beschloss am Donnerstag eine Zinssenkung um 0,25 Punkte auf
0,75 Prozent, wie die Notenbank in Frankfurt mitteilte. Der Zins für
Übernachteinlagen bei der EZB wird ebenfalls um 25 Basispunkte auf
Null Prozent reduziert. Damit lohnt es sich für Banken überhaupt
nicht mehr, Milliarden kurzfristig bei der Notenbank zu parken.

Die meisten Volkswirte hatten die Zinssenkung im Kampf gegen eine
drohende Ausbreitung der Rezession erwartet. Die Inflationsrisiken
gingen zuletzt zurück, während sich die schwache Konjunktur immer
weiter ausbreitet. Ökonom Marco Valli von der Unicredit sieht klare
Anzeichen, dass die wirtschaftliche Schwäche aus den Krisenländern
zunehmend auf den Kern des Euroraums übergreift - und die Dynamik
auch in Deutschland als stärkster Volkswirtschaft Europas nachlässt.

Niedrige Zinsen verbilligen Kredite. Das erhöht tendenziell die
Investitionsneigung von Unternehmen und die Konsumfreude der
Verbraucher - und kann so die Konjunktur ankurbeln. Zugleich befeuern
niedrige Zinsen aber die Inflation.

Viele Beobachter sehen die Notenbank als Krisenfeuerwehr, da sie
anders als die Politik schnell auf Bedrohungen reagieren kann. Neben
der Zinssenkung könnte die EZB zu weiteren Mitteln greifen, um
maroden Banken und - indirekt - strauchelnden Staaten zu helfen.
Sie könnte Banken erneut langfristig billiges Geld leihen oder wieder
Anleihen klammer Staaten kaufen.

Letzteres hatte EZB-Ratsmitglied Klaas Knot kürzlich jedoch
ausgeschlossen: «Das Anleihekaufprogramm schläft tief und fest und
das wird auch so bleiben.» Aktuell hat die EZB Staatsanleihen im Wert
von mehr als 210 Milliarden Euro in der Bilanz. Das seit Mai 2010
laufende Programm war von Anfang an umstritten, weil damit im Grund
durch die Hintertür Staatsausgaben mit der Notenpresse finanziert
werden. Seit Monaten hält sich die EZB mit neuen Käufen zurück.

Die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine
Lagarde, indes hatte sich kurz vor der EZB-Ratssitzung gegen eine
Zinssenkung und für eine Fortsetzung der Anleihenkäufe durch die
Notenbank ausgesprochen. Damit könne die EZB einzelnen Ländern
gezielt helfen, während Zinssenkungen auch Staaten wie Deutschland
beträfen, die keine Lockerung der Geldpolitik bräuchten.

Allerdings ist die Wirkung noch niedrigerer Zinsen ohnehin
fraglich. Gustav Horn vom Institut für Makroökonomie (IMK) sprach
schon vor der EZB-Entscheidung von einem hauptsächlich «symbolischen
Schritt»: «Die wirtschaftliche Bedeutung eines solchen Schrittes wäre

aktuell gering. Er wäre aber ein Beweis, dass die EZB den Abschwung
wichtiger Indikatoren ernst nimmt. Das könnte die Erwartungen
stabilisieren.»

Während die Kreditnachfrage in Ländern mit hoher Nachfrage wie
Deutschland stimuliert werden könnte, dürften Auswirkungen auf Banken
in den Krisenländern ausbleiben, glaubt Holger Schmieding von der
Berenberg Bank: Die Institute müssten weiter Risiken abbauen und
beschränkten die Kreditvergabe.

Aus Sicht der Unicredit handelt die Notenbank dennoch richtig: Sie
entlaste den Bankensektor, der nun günstiger an Geld komme. Und wenn
die Zinssenkung den Euro noch weiter schwäche und so den Export
ankurbele, dann sei das ein positiver Nebeneffekt.



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