Immer mehr, immer potenter: Drogenmarkt macht EU-Beobachtern Sorgen Von Emilio Rappold, dpa

05.06.2015 08:35

Neue künstliche Drogen schießen in Europa wie Pilze aus dem Boden.
EU-Experten stellen mit Sorge fest, dass der Wirkstoffgehalt bei den
Modedrogen, aber auch bei «traditionellen» Rauschgiften zunimmt. Und
sie warnen vor der Möglichkeit einer gefährlichen «Wiedergeburt».

Lissabon (dpa) - Als die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen
und Drogensucht (EMCDDA) vor 20 Jahren in Lissabon ihre Tätigkeit
aufnahm, standen die Gefahren durch Heroin ganz klar im Mittelpunkt
der Arbeit. Heute wissen die Experten in ihren Büros am Tejo-Fluss
aber gar nicht mehr, wohin sie schauen sollen. Immer schneller
tauchen neue Drogen auf. Im vergangenen Jahr wurden in den Ländern
der EU 101 bis dahin unbekannte, künstlich hergestellte Rauschmittel
entdeckt - 20 mehr als im bisherigen Rekordjahr 2013.

«Die Drogenproblematik wird immer komplexer», klagt EMCDDA-Direktor
Wolfgang Götz im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Und
gefährlicher. Denn die künstlichen Drogen werden - wie übrigens auch

viele der «traditionellen» Rauschgifte - immer potenter. Die
sogenannten «Legal Highs», die im Internet etwa als Badesalz oder
Kräutermischungen angeboten werden, würden zunehmend mit
drogenbedingten Schädigungen und Todesfällen verbunden, heißt es in
dem am Donnerstag veröffentlichten EMCDDA-Jahresbericht 2015.

Der «deutliche Anstieg des Wirkstoffgehalts und des Reinheitsgrads
der europaweit am häufigsten konsumierten illegalen Drogen» treibt
Sorgenfalten auf die Stirn der Experten. In Deutschland wuchs 2014
allein die Zahl der von den Designerdrogen verursachten Todesfälle im
Vergleich zu 2013 von 5 auf 25. 

Götz warnt diejenigen, die dennoch das Gefahrenpotenzial der im
Nachtleben von Berlin und Hamburg, Zürich und Madrid inzwischen fest
etablierten Modedrogen herunterspielen: «Das kann sehr, sehr schnell
eine größeren Umfang erreichen, aus 10 Toten können schnell 1000
werden.» Die Konsumenten wüssten bei den neuen psychoaktiven
Substanzen (NPS), die harmlos und attraktiv klingende Namen wie
«Jamaican Gold» oder «After Dark» tragen, oft überhaupt nicht, wa
s
sie konsumierten und dass sie stärkere Produkte zu sich nähmen.

Wenn eine NPS auf den Markt kommt, muss man daher schnell handeln.
Das 2008 entdeckte synthetische Cathinon MDPV wurde zum Beispiel zum
Zeitpunkt seiner Risikobewertung 2014 europaweit bereits mit 99
Todesfällen in Zusammenhang gebracht. 31 der 101 im vergangenen Jahr
entdeckten neuen Drogen gehören zur Gruppe der synthetischen
Cathinonen, 30 zu den synthetischen Cannabinoiden, die beide häufig
als legaler Ersatz für Stimulanzien und Cannabis offeriert werden.

Der erst in jüngerer Zeit festgestellte Anstieg des Wirkstoff-Gehalts
wird unterdessen nach Angaben der EMCDDA nicht nur bei
Designerdrogen, Ecstasy und Amphetaminen, sondern auch bei Kokain,
Heroin und sogar bei der (ehemaligen) «Soft-Droge» Cannabis
festgestellt. Die Zahl der Patienten in Europa, die sich erstmals
wegen Cannabisproblemen in Behandlung begaben, stieg von 45 000 im
Jahr 2006 auf 61 000 im Jahr 2013. Der zunehmende Konkurrenzkampf und
auch technische Innovationen seien wohl für den Trend zu potenteren
Drogen hauptverantwortlich, mutmaßen die Experten.

Dass das Internet zunehmend zu einer Quelle des Handels mit NPS wird
bereite ihm Sorgen, räumte EU-Innenkommissar Dimitris Avramopoulos am
Donnerstag ein. Als problematisch wird vor allem der wachsende
Verkauf von Drogen auf sogenannten «Kryptomärkten» oder auf
Online-Marktplätzen im «Deep Web» bewertet. Auf diesen über
Verschlüsselungssoftware zugänglichen Plattformen können Waren und
Dienstleistungen völlig anonym ausgetauscht werden. Dabei werden
häufig «Kryptowährungen» wie etwa Bitcoin eingesetzt.

Mit geschätzt 3,4 Millionen Konsumenten im Alter zwischen 15 und 64
ist Kokain nach wie vor das in Europa am häufigsten benutzte illegale
Stimulans, Heroin bleibt die tödlichste Droge. Allerdings geht der
Konsum beider Substanzen seit Jahren stetig zurück.

Götz warnt jedoch vor einer «möglichen Renaissance» von Heroin. In

Afghanistan wachse die Opiumproduktion, zudem gebe es einer
Diversifizierung der geschmuggelten Produkte wie auch der genutzten
Schmuggelmethoden und -routen. Globalisierung, Instabilität und
bewaffnete Konflikte seien mit schuld. Erschwerend komme hinzu, dass
wichtige Phasen des Heroinherstellungsprozesses inzwischen in Europa
stattfinden.

EU-Innenkommissar Avramopoulos weiß, dass man die Hände nicht in den
Schoß legen darf. «Der Bericht zeigt, dass wir es mit einem sich
rasch wandelnden, globalisierten Drogenmarkt zu tun haben und unsere
Reaktion auf die Drogengefahr darum einmütig, schnell und
entschlossen sein muss.»



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