EU-Firmen beurteilen China-Geschäft pessimistisch - «Glas halb leer» Von Andreas Landwehr, dpa

10.06.2015 05:23

Die goldenen Zeiten in China sind vorbei. Das Wachstum ist schwächer,
aber die Kosten steigen. Nötige Reformen und Rechtsstaatlichkeit
lassen auf sich warten. Da greifen EU-Unternehmen zum Rotstift.

Peking (dpa) - Europäische Unternehmen sehen das China-Geschäft
zunehmend pessimistisch. Das langsamere Wachstum der zweitgrößten
Volkswirtschaft mache den EU-Firmen im Reich der Mitte am meisten zu
schaffen, ergab die jährliche Umfrage der EU-Handelskammer über das
Geschäftsklima in China, die am Mittwoch in Peking vorgelegt wurde.
Die düsteren Aussichten für Wachstum und Profitabilität veranlassten

die Unternehmen, neue Aktivitäten zurückzustellen und Einsparungen
besonders bei der Zahl ihrer Beschäftigten in China zu planen.

«Die Unternehmen fahren ihre Investitionen zurück und planen
Kürzungen», sagte EU-Kammerpräsident Jörg Wuttke der Deutschen
Presse-Agentur in Peking. 44 Prozent der befragten Firmen beschrieben
das mit 7,0 Prozent im ersten Quartal langsamste Wachstum seit der
globalen Finanzkrise 2009 als größte Herausforderung. Die wachsenden
Personalkosten rückten in diesem Jahr auf Platz zwei der größten
Sorgen (24 Prozent) vor, obwohl sie im Vorjahr nicht unter den ersten
zehn waren.

Der schlechte Zustand der Weltwirtschaft (24 Prozent) sowie die
Marktbarrieren und Investitionsbeschränkungen in China (23 Prozent)
bereiten vielen Unternehmen zusätzlich Kopfschmerzen. Sie beklagten,
dass sich trotz aller Versprechen der Regierung die
Wettbewerbsbedingungen und der Marktzugang nicht verbessert hätten.
Auch ließen die Ende 2013 groß angekündigten Wirtschaftsreformen, die

dem Markt eine größere Rolle einräumen sollen, auf sich warten.

Mehr als die Hälfte der EU-Unternehmen sei zwar noch zuversichtlich,
«aber Optimismus über Wachstum und Profitabilität sind auf den bisher

tiefsten Stand gefallen», heißt es in der Studie. «Während sie
gewöhnlich ein halb volles Glas sahen, sehen sie es jetzt halb leer.»
Vor allem das herstellende Gewerbe, das unter Überkapazitäten leide,
bereite Sorgen. Die jetzt geplanten Einsparungen dämpften das
Wirtschaftswachstum auch noch weiter, da die Unternehmen weniger in
Anlagen und Personal investierten, warnte die EU-Kammer.

Die Attraktivität Chinas als Investitionsstandort nimmt nach der
Studie ab. 31 Prozent der Unternehmen wollen ihre Tätigkeiten in
China nicht ausbauen - 6 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr und sogar
25 Punkte mehr als noch 2013. 39 Prozent (plus 15 Prozentpunkte)
wollten ihre Kosten in China reduzieren, davon fast zwei Drittel
durch eine Verringerung von Personal (61 Prozent). Zumindest 16
Prozent (plus 5 Punkte) zögen Investitionen aus China ab, um sich
anderen Wachstumsmärkten zuzuwenden, geht aus der Erhebung hervor.

Immer mehr Unternehmen tun sich wegen der hohen Luftverschmutzung in
China auch schwer, Personal in das Land zu schicken. 74 Prozent (plus
6 Prozent) nennen den Smog als eines von drei Problemen, Talente
anzuwerben. 57 Prozent der Unternehmen leiden unter Chinas Zensur von
Internetseiten. Besonders die Suche nach Informationen und deren
Weitergabe sowie die Produktivität seien dadurch beeinträchtigt.

Mehr als zwei Drittel aller EU-Unternehmen, die Forschung und
Entwicklung betreiben, tun dies nicht in China. Dennoch beschreiben
40 Prozent die Bedingungen dafür in dem asiatischen Staat als
vergleichbar oder nicht weit hinter anderen Orten - eine Verbesserung
um 14 Punkte im Vergleich zum Vorjahr. Meist werden Forschung und
Entwicklung in China aber für die Lokalisierung von Produkten benutzt
(42 Prozent).

Wie in den Vorjahren beklagen die Unternehmen vor allem ein
«unberechenbares gesetzgeberisches Umfeld» (57 Prozent), «behördlic
he
Probleme» (52 Prozent) und «willkürliche Umsetzung von Vorschriften
»
(48 Prozent). Mehr Rechtsstaatlichkeit sehen 78 Prozent als wichtigen
Wachstumsmotor an, doch liegen die Fortschritte hier für 39 Prozent
unter den Erwartungen. Mehr als die Hälfte (55 Prozent) fühlen sich
wie im Vorjahr im Vergleich zu chinesischen Unternehmen schlechter
behandelt.

Mit 541 Unternehmen aus verschiedenen Branchen beteiligten sich 37
Prozent der Mitglieder der EU-Handelskammer über vier Wochen im
Februar und März an der Umfrage, die mit dem Unternehmensberater
Roland Berger erstellt wurde.



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