Revolution auf der Straße: Kommt das klimafreundliche Auto? Von Verena Schmitt-Roschmann, dpa

08.11.2017 16:21

Die EU-Kommission will am Mittwoch neue Kohlendioxid-Grenzwerte für
Autos und Vans vorstellen - und dafür müssen sich die Hersteller nach
der Decke strecken. Ohne abgasfreie Modelle wird es nicht gehen.

Brüssel (dpa) - Geplant ist eine Revolution, zumindest eine kleine.
Millionen Autos, die sich an Hunderttausenden Stromtankstellen
überall in Europa blitzschnell mit sauberem Ökostrom aufladen und
dann geräuschlos und abgasfrei davonbrausen - so stellt sich die
EU-Kommission die Zukunft in fünf oder zehn Jahren vor. Den ersten
Schritt will die Brüsseler Behörde mit ihrem Paket für sauberen
Verkehr und Klimaschutz tun, das die Kommissare am Mittwoch
beschlossen.

Was plant die Kommission?

Kern des Pakets sind schärfere Kohlendioxid-Grenzwerte für Autos bis
2030. Bis 2021 ist schon alles geregelt: Die Hersteller müssen die
Wagen so verbessern und sparsamer machen, dass neue Modelle im
Schnitt nur noch 95 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer ausstoßen. Ab
2022 soll es dann bis 2030 noch einmal um 30 Prozent herunter gehen.
Für 2025 wird ein Etappenziel von minus 15 Prozent vorgegeben.

Wieso geht es um Elektroautos?

Betreibt man E-Autos mit Ökostrom, fahren sie quasi ohne Abgase. Die
ehrgeizigen Ziele des Pariser Klimaabkommens - und die geplanten
CO2-Vorgaben der EU - sind ohne solche abgasfreien Autos kaum zu
erreichen. Die Kommission will zwar keine Quoten vorschreiben, plant
aber ein Anreizsystem. Autobauer sollen bis 2025 unter ihren
verkauften Neuwagen mehr als 15 Prozent emissionsarme Autos haben,
bis 2030 dann mehr als 30 Prozent. Noch 2016 lag der Anteil bei rund
einem Prozent. Zuletzt wuchsen die Zulassungszahlen aber schon
deutlich, auf einen Anteil von 6,2 Prozent im dritten Quartal 2017.

Schaffen die Hersteller die neuen Ziele 2025 und 2030, sollen sie
nach dem Kommissionsvorschlag einen Nachlass bei den CO2-Vorgaben
bekommen. Profitieren könnten von dem System auch andere Technologien
wie etwa Wasserstoffantriebe, doch haben die derzeit eine noch
winzigere Nische als Elektroautos.

Schafft das die Industrie?

Die EU-Kommission gibt sich überzeugt, dass mit der Mischung aus
Vorschriften und Anreizen im nächsten Jahrzehnt der Automarkt neu
aufgerollt wird - und dabei sogar bis zu 70 000 neue Jobs entstehen.
Voraussetzung für attraktive E-Autos sind allerdings
leistungsfähigere Batterien, die möglichst in Europa produziert
werden sollen, und ein dichtes Netz von Ladestationen. Die Kommission
verspricht für den Aufbau 800 Millionen Euro.

Die Industrie selbst stapelt tief. «Der vorgelegte Entwurf stellt die
Automobilindustrie vor extreme Herausforderungen», erklärte der
Verband der Automobilindustrie. Freiwillig vorgeschlagen hatte der
europäische Herstellerverband ACEA nur ein CO2-Minderungsziel von 20
Prozent. Der Verband tut sich vor allem schwer mit dem Zwischenziel
für 2025, weil der Vorlauf zu kurz sei. Zudem setzen die Autobauer
weiter auf den Diesel. Moderne Typen stießen nur sehr wenig
Schadstoffe aus und leisteten einen wichtigen Beitrag zum Erreichen
der Klimaziele, schreibt ACEA in einem Positionspapier.

Reichen die Kommissionspläne für den Klimaschutz?

Die europäischen Grünen sagen: Nein. Sie haben nach eigenen Angaben
die Ziele aus dem Pariser Klimaabkommen umgerechnet und kommen auf
viel drastischere Vorgaben für den Autoverkehr, der für rund 15
Prozent der CO2-Emissionen in Europa verantwortlich ist. Nötig sind
demnach eine Senkung dieser Emissionen um 60 Prozent bis 2030 und
eine Elektro-Quote von 50 Prozent schon 2025. Das Umweltbundesamt
schlägt in dieselbe Kerbe und erklärt: «Wir brauchen eine Minderung
der CO2-Flottengrenzwerte von fast 70 Prozent im Jahr 2030 gegenüber
2021. Die jetzt vorgeschlagene Minderung von nur 30 Prozent wird
daher nicht ausreichen, damit der Verkehr in Deutschland seinen
Beitrag zum Klimaschutz erfüllen kann.»

Können sich normale Leute künftig noch ein Auto leisten?

Elektroautos schrecken viele Verbraucher mit hohen
Anschaffungskosten. Das gilt nicht nur für Modelle des
US-Trendherstellers Tesla für 90 000 Euro und mehr. Auch europäische

Kleinwagen sind als Stromautos meist Tausende Euro teurer als mit
herkömmlichem Verbrennungsmotor. Die Kommission erwartet aber einen
Preissturz, sobald die Elektroautos zur Massenware werden. Schon
Anfang des nächsten Jahrzehnts soll es soweit sein. Außerdem betont
die Kommission, dass man bei niedrigerem Verbrauch jährlich Hunderte
Euro an der Zapfsäule kann. Das gilt wohl noch mehr für das Tanken
von Strom aus dem eigenen Solardach.



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