Eurozone im Aufschwung - EU-Kommission hebt Wachstumsprognose an Von Alkimos Sartoros, dpa

09.11.2017 16:35

Die Eurozone könnte 2017 ihr stärkstes Wirtschaftswachstum seit einem
Jahrzehnt hinlegen. Brüssel sieht nun entscheidende Wochen und
Monate, um politische Reformen auf den Weg zu bringen und künftigen
Krisen vorzubeugen.

Brüssel (dpa) - Europa lässt die Finanzkrise hinter sich. Die
EU-Kommission hob ihre Wachstumsprognose für 2017 am Donnerstag
erheblich an, für die Europäische Union sowie für die Eurozone. Auch

bei den Arbeitslosenzahlen und den öffentlichen Haushalten sieht die
Brüsseler Behörde positive Trends. Um künftigen Krisen vorzubeugen,
könnte dies eine fast einmalige Gelegenheit für politische Reformen
sein. Doch US-Präsident Donald Trump, der Brexit und stagnierende
Löhne bereiten auch Sorgen.

Für das laufende Jahr rechnet die EU-Kommission nun in den 19 Staaten
des gemeinsamen Währungsgebiets damit, dass das Bruttoinlandsprodukt
(BIP) um 2,2 Prozent zulegt. Im Frühjahr hatte sie noch ein
Wirtschaftswachstum von 1,7 Prozent erwartet. Für die gesamte EU
erwartet sie gar 2,3 Prozent (Frühjahrsgutachten: 1,9 Prozent). Im
Jahr 2018 soll die Wirtschaft sowohl in der Eurozone als auch in der
gesamten EU um 2,1 Prozent wachsen, 2019 um 1,9 Prozent.

Deutschland liegt bei den Wachstumsaussichten im Durchschnitt. Für
2017 erwartet die EU-Kommission 2,2 Prozent, 2018 2,1 Prozent und
2019 2,0 Prozent. Die Bundesrepublik profitiere dabei vor allem von
der Binnennachfrage, der Erholung der Eurozone sowie robustem
Welthandel. Damit deckt sich die Erwartung der Brüsseler Behörde in
etwa mit dem der «Wirtschaftsweisen». Der Sachverständigenrat hatte
am Mittwoch für 2017 ein Wachstum von 2,0 Prozent und von 2,2 Prozent
für 2018 prognostiziert.

«Nach fünf Jahren moderater Erholung hat sich das Wachstum in Europa
nun beschleunigt», sagte EU-Wirtschaftskommissar Pierre Moscovici. Er
warnt jedoch: «Die Mitgliedstaaten müssen entschlossen handeln, um
dafür zu sorgen, dass die wirtschaftliche Erholung anhält und die
Früchte des Aufschwungs gerecht verteilt werden. Außerdem müssen wir

strukturell zusammenwachsen und den Euroraum stärken, damit er besser
für künftige Schocks gewappnet ist.»

Mit Blick auf den Euro-Gipfel der Staats- und Regierungschefs im
Dezember hatte die Debatte um eine Vertiefung der Wirtschafts- und
Währungsunion in den vergangenen Wochen an Fahrt gewonnen. Im
Gespräch ist unter anderem, den Europäischen Stabilitätsmechanismus
(ESM) zu einem europäischen Währungsfonds auszubauen, der etwa auch
als sogenannte Letztsicherung bei Bankenschieflagen einspringen
könnte. Zudem wird verstärkt über die Einführung eines europäisch
en
Sicherungssystems für Bankguthaben diskutiert, das bereits seit 2015
im Gespräch ist. Hier hat vor allem Deutschland noch große Bedenken.

Die EU-Kommission sieht daher die wirtschaftliche Erholung noch nicht
auf festem Grund. Wirtschaftswachstum und Inflationsentwicklung seien
nach wie vor auf flankierende Maßnahmen angewiesen, etwa der
Europäischen Zentralbank (EZB). Für 2017 erwartet die EU-Kommission
nun eine Inflationsrate von 1,5 Prozent in der Eurozone. Im kommenden
Jahr sollen es 1,4 Prozent sein, 2019 dann 1,6 Prozent. Damit würde
jeweils das Ziel der EZB, die eine Teuerungsrate von knapp zwei
Prozent als Ziel ansieht, weiterhin verfehlt. Ein klares Signal, die
lockere Geldpolitik zu zügeln, gäbe es damit nicht.

Sorgen bereiten zudem die nach wie vor hohen Schulden in Europa. Die
Schuldenquote - also das Verhältnis der Staatsschulden zum
Bruttoinlandsprodukt (BIP) - soll 2017 auf 89,3 Prozent und 2018 auf
87,2 Prozent sinken. Damit lägen sie allerdings immer noch weit von
der eigentlich zulässigen 60-Prozent-Grenze entfernt.

Insgesamt bestehen weiter deutliche Unterschiede zwischen einzelnen
Staaten. Im Sorgenkind Italien soll das Wirtschaftswachstum 2017 zwar
kurzfristig auf 1,5 Prozent anziehen, in den Folgejahren sich jedoch
wieder deutlich abschwächen (2018: 1,3 Prozent; 2019: 1,0 Prozent).

Für das hoch verschuldete Griechenland schraubte die EU-Kommission
ihre Wachstumsprognose für 2017 deutlich zurück und geht nun von 1,6
Prozent aus (Frühjahresgutachten: 2,1 Prozent). Das liegt vor allem
am schwachen Binnenkonsum in dem Land. In den kommenden beiden Jahren
soll das Wachstum allerdings auf jeweils 2,5 Prozent ansteigen. Auch
die Verschuldung soll zurückgehen. Offen ist allerdings, ob
Griechenland Mitte 2018 ohne weitere Komplikationen das derzeit
laufende Hilfs- und Kreditprogramm der internationalen Geldgeber
abschließen kann.

Überdurchschnittliches Wachstum dürften laut Prognose mit mehr als 3
Prozent im kommenden Jahr etwa Irland, Spanien, Zypern und Slowenien
vorweisen.



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