Das Tor zur Sahara: In der Stadt der Menschenschmuggler Von Kristin Palitza, dpa

20.11.2017 10:00

Der Niger hat das Schleusen von Migranten durch die Sahara verboten.
Viele Schlepper sind daher in den Untergrund gegangen. Die Reise in
Richtung Europa ist nun noch riskanter. Trotz der Gefahren träumen
viele Migranten weiter von Deutschland.

Agadez (dpa) - Im Dunkel der Nacht beladen Moussa und seine Männer
die Autos. Die Schleuser arbeiten schweigend, jeder Handgriff sitzt.
Es muss schnell gehen, denn die Polizei sitzt ihnen im Nacken. Auf
der Ladefläche ihrer Geländewägen wollen die 50 Migranten durch die
Sahara bis nach Libyen bringen. In den Augen der Passagiere spiegelt
sich eine Mischung aus Angst und Hoffnung. Sie haben es aus ihren
Heimatländern in Westafrika bis in die nigrische Stadt Agadez am
Südrand der Sahara geschafft. Jetzt ist ihre Chance gekommen, die
gefährliche Reise in Richtung Europa zu beginnen.

Ein Späher überprüft die Gegend auf Polizeipatrouillen, dann öffnet

sich das eiserne Tor eines unscheinbar aussehenden Gebäudekomplexes
im Stadtviertel Misrata - benannt nach der libyschen Stadt am
Mittelmeer, von der aus jedes Jahr tausende Migranten in überfüllten
Booten nach Italien übersetzen. Die Autos fahren ohne Licht in die
Nacht hinaus. Moussa und die anderen Schlepper tragen eng um den Kopf
gewickelte Turbane, die nur einen Schlitz für die Augen lassen. Sie
haben die weiße Karosserie der Wagen zur Tarnung mit Schlamm
eingeschmiert. Die Bremslichter sind mit schwarzem Klebeband
abgedeckt. Ein Motorrad leitet den Weg bis zur Wüste, dann treten die
Fahrer aufs Gas.

Die Schleuser arbeiten im Untergrund, seit der Niger nach
Verhandlungen mit der EU Mitte 2015 die Transporte durch die Sahara
verboten hat. Sicherheitskräfte haben laut Staatsanwaltschaft seitdem
mehr als 100 Fahrzeuge beschlagnahmt, dutzende Schlepper und Fahrer
wurden festgenommen. Ihnen drohen Haftstrafen bis zu 30 Jahren. Dem
Niger wurden für die Schließung der Migrationsroute von der EU 610
Millionen Euro zugesagt. Das Thema Migration wird auch bei dem
bevorstehenden EU-Afrika-Gipfel in der Elfenbeinküste (29. und 30.
November) eine wichtige Rolle spielen.

Der Sturz des Diktators Muammar Gaddafi 2011 verwandelte Libyen in
ein Land ohne Staatsgewalt, öffnete den Weg nach Europa und machte
Agadez zur Drehscheibe für Migranten. Schnell boomte die Wüstenstadt,
in der die Straßen buchstäblich Sandwege sind und Autos sich mit
Eseln und Kamelen die Wege teilen. Im vergangenen Jahr sind nach
Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) mehr als
360,000 Migranten über das Mittelmeer nach Europa gekommen. Gut die
Hälfte davon landete in Italien und reiste wahrscheinlich durch den
Niger. Dieses Jahr sei die Zahl der Migranten, die in Agadez
abreisen, auf bislang 40,000 Menschen gesunken, sagt der
Niger-Direktor der IOM, Guiseppe Loprete.

Die nigrische Regierung sei «sehr engagiert», das Verbot
durchzusetzen, sagt der EU Botschafter im Niger, Raul Mateus Paula.
In Agadez, einer aus Lehm gebauten Stadt mit knapp 120,000
Einwohnern, identifizierte die Regierung fast 7,000 Menschen als «im
Migrationsgeschäft involviert» - Schmuggler, Verbindungsmänner,
Fahrer und Besitzer von Unterkünften. Ein Mangel an juristischen
Fachkräften, vor allem Richtern, und die schlechte Bezahlung der
Polizei erschwere aber die Umsetzung des Gesetzes, sagte Paula.

Auf der Ladefläche von Moussas Geländewagen sitzt Femi Akindele aus
Nigerias südwestlichem Bundesstaat Oyo. Die 27-jährige, die in
Wirklichkeit anders heißt, sagt, sie sei auf dem Weg nach
Deutschland. Ihr Freund sei bereits vor drei Jahren nach München
geflüchtet. Ihren zweijährigen Sohn, den sie beim Opa gelassen habe,
kenne jener nur übers Handy. Die schlanke Frau mit den großen runden
Augen weiß weder, wo ihr Freund arbeitet, noch, wo er genau wohnt.
Vor ein paar Wochen habe er aufgehört, Geld zu senden. Jetzt will sie
ihn suchen. «Ich will mir ein besseres Leben aufbauen», sagt
Akindele.

Die Reise nach Agadez war einfach. Sie sei mit einer Reihe von Bussen
in den Niger gefahren. Die Fahrt habe ihre Tante finanziert, die auch
einen Kontakt zu einem Verbindungsmann in Agadez gehabt habe. Sobald
sie in Deutschland sei, werde sie der Tante das Geld zurückzahlen,
erzählt Akindele. Von den großen Gefahren der Reise durch die Sahara,
Libyen und das Mittelmeer, hat sie nur vage Vorstellungen. «Wir
werden durstig sein», sagt sie. Für die kalten Nächte hat sie sich
Handschuhe gekauft.

Die Horrorszenarien von denen Rückkehrer berichten -
Vergewaltigungen, Erpressungen, Misshandlungen, Tötungen, Überfälle -

sind ihr nicht bekannt. Auf die Frage, ob sie wisse, wo Deutschland
auf der Landkarte liegt, schüttelt sie den Kopf.

Der Schleuser Moussa sagt, er bringe weiterhin bis zu 80 Menschen pro
Woche nach Libyen. Die dreitägige Reise von knapp 1000 Kilometern
gilt als eine der gefährlichsten der Welt. Es gibt keine Statistiken,
wie viele Migranten in der Sahara sterben. Doch Experten wie Paula
und Loprete schätzen, dass die Zahl der Wüstentode wesentlich höher
als die Zahl derer, die im Mittelmeer ertrinken. Dieses Jahr starben
laut IOM mehr als 2900 Migranten auf der gefährlichen Seereise.

Die beiden Experten bestätigen auch, dass das Schleuser-Verbot die
Risiken der Migration durch die Sahara erhöht hat. Statt der
jahrhundertealten Wüsten-Handelsstraße, nehmen Schlepper nun
abgelegene Routen. Oft folgen sie den Wegen der Drogen- und
Waffenschmuggler, weit entfernt von Oasen und mit erhöhter Gefahr,
bewaffneten Islamisten oder Banditen zum Opfer zu fallen. Jede Woche
gehe es mit Hilfe von Navigationsgeräten woanders lang, erzählt
Moussa, ein hochgewachsener, schlanker Mann mit schwarzen Locken.
Agadez sei «eine Stadt mit tausend Türen».

Über das Verbot ist Moussa erbost. «Ich hatte eine Reiseagentur, ein
ganz normales Transportgeschäft», meint er. Früher fuhr jeden Montag

ein Konvoi von dutzenden Fahrzeugen mit offizieller Militäreskorte in
Agadez ab. Ja, die Menschen hätten auf der Ladefläche von LKWs sitzen
müssen, gibt Moussa zu. Aber niemand sei gezwungen worden, niemand
habe sich beschwert. Nun schicke er aufgrund des Verbots höchstens
zwei Autos auf einmal los. Außerdem habe er aufgrund der erhöhten
Gefahr und sinkenden Zahl von Migranten seine Preise verdoppeln
müssen, auf umgerechnet 760 Euro pro Passagier. Schließlich müsse er

seine vier Ehefrauen und 17 Kinder ernähren, erklärt Moussa.

Die Schleuser haben ein ausgeklügeltes System entwickelt, um keine
Spuren zu hinterlassen. Sie wechseln täglich ihre SIM-Karten, die sie
mit Ausweisen der Migranten registrieren. Die Unterkünfte, in denen
Passagiere oft Wochen oder Monate auf ihre Abfahrt warten, sind aus
Angst vor Razzien rund um die Uhr verriegelt. In den sogenannten
Ghettos gibt es weder Strom noch fließendes Wasser. Migranten
schlafen auf dünnen Matten in Staub, Sand und Müll; oft sind 30 Leute
in ein Zimmer gepfercht. Die Toilette ist ein Loch im Boden.
Trinkwasser, Essen und sogar Wasser zum Waschen wird ihnen zu
überteuerten Preisen verkauft. Viele müssen ihr letztes Hab und Gut
verkaufen, oft ihr Handy, und verlieren den Kontakt zur Außenwelt.

Die Anzahl der Ghettos kennt niemand, doch es seien mehr als hundert,
schätzt Tamari Ibrahim vom Internationalen Rettungskomittee (IRC) in
Agadez. Die Menschen zu überzeugen, die Flucht nach Europa aufgrund
der großen Risiken abzubrechen, sei so gut wie unmöglich, meint
Ibrahim. «Wir bekommen immer die gleiche Antwort: Ich sterbe lieber
beim Versuch, ein besseres Leben zu finden, als aufgrund von Armut»,
erklärt er. Sprüche, die Migranten zum Abschied auf die unverputzten
Wände der Ghettos schreiben, illustrieren ihre Lebenshaltung. «Leid
gehört zum Leben» steht da etwa, oder «Gott hat das letzte Wort».

Das glaubt auch Cellou Touré. Der 21-jährige aus Guinea, der
ebenfalls mit Moussas Männern Richtung Libyen aufbricht, macht sich
bereits zum zweiten Mal auf den Weg nach Europa. «Die Fahrer sind
bewaffnet und herzlos. Gleich in der ersten Nacht vergewaltigen sie
alle Frauen», erinnert er sich an seine erste Reise durch die Sahara.
«Wer helfen will, wird erschossen oder in der Wüste ausgesetzt.» Eine

Hand voll Menschen habe die Fahrt nicht überlebt, erzählt Touré. Der

Fahrer hätte die Leichen einfach von der Ladefläche geschmissen.

Kurz vor der Grenze zu Libyen wurde Tourés Gruppe vom Militär
abgefangen. Die Fahrer seien geflohen und hätten die Migranten
zurückgelassen, sagt er. Von den Soldaten seien sie dann dem Roten
Kreuz in Agadez übergeben worden. Eine Rückkehr nach Guinea komme für

ihn nicht in Frage. Er wolle nach Deutschland, nach Leverkusen, denn
er sei ein Fan des dortigen Fußballvereins. Touré hat einen Traum,
den er nicht aufgeben will: In Deutschland möchte er studieren und
dann als gemachter Mann in Guinea in die Politik einsteigen. «Ich
will etwas bewegen, so wie Nelson Mandela in Südafrika», sagt er.



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