Zeitbombe Bevölkerungswachstum: Armut und hohe Geburtenrate im Niger Von Kristin Palitza und Jürgen Bätz, dpa

26.11.2017 09:00

Bis 2050 soll sich die Bevölkerung Afrikas auf 2,5 Milliarden
Menschen verdoppeln. Hunderte Millionen junge Afrikaner werden Arbeit
brauchen. Wer heute Fluchtursachen bekämpfen will, darf davor nicht
die Augen verschließen. Besonders kritisch ist die Lage im Niger.

Niamey (dpa) - Hadjo Haruna hat 13 Kinder und mehr als 100 Enkel. So
viele, dass sie irgendwann aufgehört hat zu zählen, sagt die
71-jährige. Ihre Familie ist Harunas ganzer Stolz. Sie sei die
reichste Frau im Dorf Koygorou, das gut 130 Kilometer nördlich der
nigrischen Hauptstadt Niamey liegt, meint die Bauersfrau. Mit Geld
hat das wenig zu tun. Haruna spricht von Kinderreichtum.

In einem bunten Rock und braunem Kopftuch sitzt die alte Frau vor
ihrer kleinen Strohhütte. Eine Handvoll Enkel spielt neben ihr im
Sand. Die Älteren sammeln Feuerholz, tragen Wasser, helfen im
Haushalt und auf dem Feld. Haruna ist arm, aber glücklich. Von
Familienplanung hält sie gar nichts. «Verhütung gehört nicht zu
unserer Tradition», erklärt sie bestimmt in der Lokalsprache Zarma.
«Jede Frau sollte so viele Kinder haben wie sie nur kann.»

In ganz Afrika wächst die Bevölkerung weiterhin rasant. Die
Geburtenrate fällt, doch UN-Experten erwarten, dass sich die Zahl der
Menschen in Afrika bis 2050 auf 2,5 Milliarden verdoppeln wird. Bis
zum Jahr 2100 werden demnach 40 Prozent aller Menschen, 4,5
Milliarden, in Afrika leben. «Afrika wird in den nächsten Jahrzehnten
eine zentrale Rolle für die Größe und Verteilung der Weltbevölkerun
g
spielen», erklären die UN. Ein nachhaltiges Senken der Geburtenrate
in Afrika wird sich nur mit mehr Familienplanung, besserer Bildung
und einem Senken der Armut erreichen lassen.

Das Bevölkerungswachstum wird daher eines der Themen sein, das den
EU-Afrika-Gipfel in der Elfenbeinküste zu Perspektiven für die Jugend
in Afrika am Mittwoch und Donnerstag (28. und 29. November) bestimmen
wird. Je mehr die Bevölkerung wächst, desto mehr junge Menschen
brauchen Arbeit, desto mehr Münder müssen gestopft werden, desto mehr
Afrikaner werden an eine Flucht nach Europa denken. Sich heute um die
Bevölkerung von übermorgen zu sorgen, könnte für Europa langfristig

einer der effektivsten Wege zur Bekämpfung von Fluchtursachen sein.

Der Präsident des westafrikanischen Nigers, Mahamadou Issoufou, hat
die Gefahr erkannt. «Wenn wir unsere Jugend nicht ausbilden, für sie
sorgen und ihnen Arbeitsplätze bieten können, wird sie zu einer
Behinderung oder sogar einer Bedrohung für unseren sozialen
Zusammenhalt und Wohlstand werden», warnte Issoufou jüngst.

Der Niger ist ein Land der Superlative, doch nicht unbedingt der
besten: Frauen gebären hier im Durchschnitt 7,5 Kinder, die weltweit
höchste Geburtenrate. Nigers Bevölkerung von rund 20 Millionen
Menschen soll sich bis 2050 verdreifachen. Der Niger ist einer
UN-Statistik zufolge vor dem Bürgerkriegsland Zentralafrikanische
Republik das zweitärmste Land der Welt. Experten warnen angesichts
des Bevölkerungswachstums vor einer Zeitbombe, die auch zu mehr
Migration durch die Sahara und Richtung Europa führen könnte.

Der Niger zeigt auch, wie schwierig es ist, die Geburtenrate zu
senken. UN und Regierung bieten Programme an, die Paare zur
Familienplanung ermuntern sollen. Doch der Fortschritt ist zäh.
«Zwischen 2012 und 2015 stieg die Zahl um nur einen Prozentpunkt»,
sagt UN-Projektleiter Amadou Manzo in Niamey. Zuletzt benutzen
demnach nur etwa zwölf Prozent der Frauen Verhütungsmittel.

Insgesamt ist die Geburtenrate in Afrika seit Anfang des Jahrtausends
von 5,1 Geburten pro Frau auf 4,7 gesunken. In Europa liegt die Rate
den UN-Zahlen zufolge bei 1,6. Zu den Ländern mit dem größten
Bevölkerungswachstum in Afrika gehören etwa auch Nigeria, Mali und
Kongo. Die Bevölkerung Nigerias soll sich demnach von derzeit 185
Millionen Menschen bis 2100 auf 914 Millionen mehr als vervierfachen.
Infrastruktur, Gesundheits- und Bildungssystem sind dort schon heute
überfordert. Selbst wenn die Geburtenrate in Afrika plötzlich auf das
Reproduktionsniveau von etwa 2 fiele, würde die Bevölkerung weiter
wachsen, weil es jetzt schon so viele Kinder und Jugendliche gibt.
Rund 60 Prozent der Afrikaner sind jünger als 25 Jahre.

Neben Familienplanung ist eines der effektivsten und einfachsten
Mittel, die Geburtenrate zu senken, Mädchen länger und besser
auszubilden. Je länger Mädchen in die Schule gehen, desto weniger
Kinder bekommen sie. Wenn alle Mädchen in Afrika und Asien eine
weiterführende Schule besuchen könnten, würde die Zahl der Geburten
vor dem 18. Geburtstag um rund 60 Prozent fallen, die Geburtenrate
würde um 42 Prozent von 6,7 Kindern auf 3,9 Kinder fallen, wie der
UN-Bevölkerungsfonds (UNFPA) erklärt.

Im Niger zeigt sich, wie schwierig das sein kann: Drei Viertel aller
Mädchen heiraten hier vor ihrem 18. Geburtstag. Fatouma Ibrahima von
der amerikanischen Hilfsorganisation Pathfinder International
erklärt, dass sowohl Kinderheirat als auch Polygamie in der
Gesellschaft tief verankert seien. Kinderreichtum bestimme auch den
Status der Frau in der Familie. Die Frau mit den meisten Kindern habe
das meiste Sagen, das größte Budget, die schönsten Kleider.

Vom lebenslangen Wettbewerb in einer polygamen Ehe erzählt Mariama
Sabou, eine Mutter von zehn Kindern und die zweite Ehefrau ihres
Mannes. «Sobald eine von uns schwanger ist, steht die andere unter
Druck, auch noch ein Kind zu bekommen», erklärt die 48-jährige. Sie
lebt in der Stadt Dosso, zwei Autostunden nördlich von Niamey. Hätte
sie die Wahl, würde sie verhüten, aber das sei in der Familie tabu.

Eine der wenigen Frauen, die von ihrem Mann Erlaubnis erhalten hat,
die Beratungsstelle von Pathfinder in Dosso zu besuchen, ist die
29-jährige Aishatou Daouda. Sie habe drei Kinder und sich mit ihrem
Mann darauf geeinigt, dass es insgesamt fünf Kinder werden sollen,
sagt sie. «Ich weiß, fünf ist wenig, aber wenn wir es dabei belassen,

können wir alle zur Schule schicken.»



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