Von Krise zu Krise - Merkel will Afrikas Jugend helfen Von Jörg Blank, Ansgar Haase und Jürgen Bätz, dpa

28.11.2017 09:45

Die Flüchtlingskrise wirkt in Deutschland immer noch nach. Sie ist
eine Ursache des Unions-Desasters bei der Bundestagswahl. Auch
deswegen reist die Kanzlerin nun nach Afrika.

Berlin/Abidjan (dpa) - Die Jamaika-Sondierungen geplatzt, eine neue
GroKo nicht wirklich in Sicht: Es ist eine merkwürdige Zwischenzeit,
in der Angela Merkel nach Abidjan fliegt. Knapp 7,5 Flugstunden und
5500 Kilometer entfernt will die Kanzlerin am Mittwoch versuchen,
ihren Bemühungen im Kampf gegen Fluchtursachen einen weiteren
Baustein hinzuzufügen. Beim EU-Afrika-Gipfel in der Elfenbeinküste
geht es um die Jugend Afrikas. Und um das Thema, das hinter dem
Unions-Debakel bei der Bundestagswahl steht und sie letztlich immer
noch das Amt kosten könnte: Flucht und Migration.

Für Merkel und die EU könnten die Beziehungen zu Afrika in den
nächsten Jahrzehnten wichtiger werden als die zu den USA oder zu
Asien. Die Bevölkerung Afrikas soll sich UN-Prognosen zufolge bis
2050 auf rund 2,5 Milliarden Menschen verdoppeln. Das bedeutet, dass
in den nächsten 30 Jahren Hunderte Millionen junge Menschen in Afrika
Essen, eine ordentliche Bildung und später einen Arbeitsplatz
brauchen werden. Sich heute schon um Afrikas Bevölkerung von
übermorgen zu sorgen, könnte für Europa langfristig einer der
effektivsten Wege zur Bekämpfung von Fluchtursachen sein.

Das weiß auch die Kanzlerin. Spätestens seit dem Höhepunkt der
Flüchtlingskrise 2015 dürfte die Lage in Afrika zu einem der
wichtigsten Schlüssel für Merkels politische Zukunft geworden sein.
Seither ist das sperrige Wort Fluchtursachenbekämpfung ein zentraler
Begriff in Merkels Politik. Deswegen ist für sie der 39-Stunden-Trip
nach Westafrika so bedeutend: Er soll ein Zeichen an die Gastgeber
sein, dass Deutschland der Nachbarkontinent Europas wichtig ist. Und
die vorläufig nur noch geschäftsführende Kanzlerin will zeigen, dass

sie tatsächlich etwas dagegen tut, dass immer noch Zehntausende den
gefährlichen Weg übers Mittelmeer nach Europa wagen. Merkels
Leitmotiv: wirtschaftliche Perspektiven für die Jugend schaffen.

Doch das ist leichter gesagt, als getan. Es gibt kein Patentrezept,
dass in den 55 Staaten Afrikas funktionieren könnte. Einige davon,
wie Somalia, der Südsudan oder der Kongo werden von Konflikten
erschüttert. Manche arme Länder, wie der Niger, Mali oder Nigeria
wiederum weißen ein enormes Bevölkerungswachstum auf. Doch die
Regierungen sind dort schon jetzt überfordert. Ein Senken der
Geburtenrate wird sich nur mit mehr Familienplanung, besserer Bildung
- vor allem für Mädchen - und einer Reduzierung der Armut erreichen
lassen. Das kann nicht nur Entwicklungshilfe leisten. Europa setzt
auch darauf, mehr private Investitionen nach Afrika zu locken.

Für die Wirtschaft in Deutschland und Europa bietet Afrikas wachsende
Bevölkerung auch enorme Chancen. 2050 werden rund 35 Prozent der
europäischen Bevölkerung 60 Jahre oder älter sein, müde Konsumenten
.
In Afrika wird der Anteil der Älteren dagegen nur bei rund 9 Prozent
liegen. Dieser «Jugendboom» müsse unterstützt werden, fordert der
Deutschland-Direktor der entwicklungspolitischen Lobbygruppe One,
Stephan Exo-Kreischer. «Gelingt das, sprechen wir nicht von
Fluchtbewegungen, sondern von den großen Chancen, die sich auf dem
Wirtschaftswunderkontinent Afrika ergeben.»

Dass sich die EU nicht einfach abschotten kann, dass sie auf die
Kooperation mit Afrika angewiesen ist, um unerwünschte Migration zu
verhindern, zeigt gerade die Lage in Libyen. Seit dem Sturz von
Muammar al-Gaddafi haben Hundertausende Menschen das Chaos in dem
nordafrikanischen Staat genutzt, um mit Hilfe von Schlepperbanden
über das Mittelmeer nach Italien und weiter in die EU zu kommen. Nun
gibt es auch noch Berichte über Menschenhandel: Flüchtlinge aus
Nigeria sollen in Libyen als Sklaven verkauft worden sein.

Ein weiteres Warnsignal für die EU ist die Ausbreitung des radikalen
Islamismus auf dem Kontinent, etwa in der Sahelzone. Der größte
Auslandseinsatz der Bundeswehr ist inzwischen Mali, wo rund 1000
deutsche Soldaten als Teil einer UN-Mission das von islamistischen
heimgesuchte westafrikanische Land zu stabilisieren versuchen.
Mehrere Attentäter, die zuletzt in Europa Terroranschläge verübten,
hatten nordafrikanische Wurzeln, zum Beispiel der aus Tunesien
stammende Berliner Weihnachtsmarkt-Attentäter Anis Amri.

EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini sagte jüngst, Afrika und die
EU müssten gemeinsam als Partner Lösungen finden. «Europa und Afrik
a
trennen (an der Straße von Gibraltar) gerade einmal 14 Kilometer -
was in Afrika passiert hat einen direkten Einfluss auf Europa und was
in Europa passiert, hat einen direkten Einfluss auf Afrika.»



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