Ausgerechnet Polen - Warschaus Sünden beim Klimaschutz Von Natalie Skrzypczak, dpa

05.12.2018 11:30

Delegierte aus aller Welt debattieren in Polen über einen besseren
Klimaschutz. Doch Aktivisten prangern auch die Umweltsünden des
Gastgebers an und verliehen ihm sogar einen COP24-Antipreis. Das Land
mit der starken Kohlelobby und gravierendem Smogproblem müsse sich
mehr engagieren, finden sie.

Kattowitz (dpa) - Es ist das Land der Kohleanhänger mit der
schmutzigsten Luft in der ganzen EU: Ausgerechnet Polen richtet in
diesem Jahr den zweiwöchigen Weltklimagipfel COP24 aus. In der
Kohlehauptstadt Kattowitz (Katowice) debattieren Delegierte aus aller
Welt unter dem Motto «Changing together» (sich gemeinsam verändern)
über die Umsetzung und Einhaltung von Klimaschutzzielen.

Der symbolträchtige Tagungsort sei absichtlich gewählt, sagte Polens
Präsident Andrzej Duda bei der Eröffnung. Die mit Bergbau und
Schwerindustrie assoziierte Region sei im Wandel. «Katowice zählt zu
den grünsten Städten Polens», hob Duda hervor. Regierungsangaben
zufolge werden die Auswirkungen langjähriger Umweltverschmutzung
reduziert, Bergbaugebiete revitalisiert, zudem engagiere sich die 300
000-Einwohner-Stadt auf dem Gebiet neuer Technologien.

Die Welt stehe in Sachen Klimaschutz vor einem «historischen Test»,
sagte Duda zum COP24-Auftakt und kündigte an, Polen wolle seinen Teil
dazu beitragen. Umweltschützer sehen dahinter leere Worte. Sie werfen
der umstrittenen PiS-Regierung Scheinheiligkeit vor und verliehen ihr
sogar den COP24-Negativpreis «Fossil des Tages». Polen habe in Sachen
Klimaschutz noch sehr viel zu tun, meinen sie. Ein Überblick:

KOHLE: Trotz schädlicher Auswirkungen für Umwelt und Klima hält
Polens Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit PiS an der Kohle als
Hauptenergielieferanten fest. «Die eigenen natürlichen Ressourcen zu
nutzen, im Fall Polens Kohle, und darauf die Energiesicherheit zu
stützen, steht nicht im Widerspruch zu Klimaschutz und Fortschritt
beim Klimaschutz», verteidigte Duda selbst bei der Klimakonferenz in
Kattowitz die Kohlenutzung seines Landes. Derzeit werden daraus etwa
80 Prozent des Stroms in Polen erzeugt.

Für die Energiesicherheit sei Kohle besonders wichtig, hebt das
staatliche Geologieinstitut hervor. Daran werde sich in den nächsten
20 bis 30 Jahren kaum etwas ändern, lautet die Prognose. Warschaus
Regierende wollen keine Kraftwerke schließen, sondern neue eröffnen.
Das haben sie den rund 80 000 Beschäftigten in der Branche im letzten
Wahlkampf versprochen - 2019 stehen die nächsten Parlamentswahlen an.
Die PiS versichert aber, neu gebaute Kraftwerke würden moderner und
effizienter sein und Umweltvorgaben erfüllen. Einen Kohleausstieg
kann sich das Land nach ihrem Verständnis nicht leisten.

Umweltschützer bezweifeln das. Die Regierung sollte in alternative
Energiequellen investieren, statt Gelder in die teure und
ineffiziente Kohleförderung zu stecken, fordert die Organisation
Eko.org. Diese reicht zur Versorgung des Landes mit Strom ohnehin
schon nicht mehr aus. Warschau führt seit Jahren immer mehr Kohle aus
dem Ausland ein. Für den Umweltverband Climate Action Network Grund
genug, den COP24-Gastgebern den Antipreis «Fossil des Tages» zu
verleihen. «Es ist eine Schande, dass sie Kohle unterstützen, den
schmutzigsten aller fossilen Brennstoffe, während das Zeitfenster
immer kleiner wird, den Klimakollaps zu verhindern», sagen sie.

Erneuerbaren Energien steht Polen skeptisch gegenüber. Ihr Anteil an
der Stromerzeugung ging laut Warschaus Hauptstatistikamt 2017 sogar
von 11,3 auf 11 Prozent etwas zurück. Laut Umfragen befürchten viele
Bürger, Windräder könnten das Landschaftsbild stören.

SMOG: Die Kohleabhängigkeit schadet nicht nur Umwelt und Klima, die
giftigen Emissionen aus der Verbrennung machen die Polen auch krank,
wie die Umweltorganisation Health and Environment Alliance warnt.
Experten zufolge hat das Land sogar die EU-weit schmutzigste Luft. In
besonders vielen Städten, darunter Kattowitz, würden Grenzwerte für
die Feinstaubbelastung regelmäßig überschritten, warnt die
Organisation Polens Smogalarm. Herz- und Kreislauf-,
Atemwegserkrankungen und Krebs seien die Folge. Jährlich sterben den
Angaben zufolge in Polen wegen Smog mehr als 40 000 Menschen.

Die Verschmutzung wird vor allem zur Heizsaison sichtbar, wenn sich
der Smog wie ein dunkler Schleier über viele Städte legt. Denn in den
meisten Haushalten (etwa 70 Prozent) wird in oft veralteten
Brennöfen, die keine Umweltvorgaben erfüllen, mit Kohle von minderer
Qualität geheizt, wie Smogalarm-Aktivisten warnen. Und die Wärme
entweiche wegen der schlechten Isolierung der Häuser schnell, heben
sie hervor. In Folge werde noch mehr geheizt, kritisiert die
Organisation, die staatliche Zuschüsse zur Wärmedämmung verlangt.

Die Aktivisten machen die Polen seit einigen Jahren auf das
Smog-Problem und seine Folgen aufmerksam und konnten bereits
Teilerfolge verbuchen: So führten Polens Regierende inzwischen
Richtlinien für Kohlequalität ein. Allerdings werden diese erst ab
2020 vollständig greifen, kritisieren die Aktivisten. Bis dahin werde
die Luft weiter verpestet und in vielen Haushalten werde mit
Kohleschlamm oder -staub geheizt, der in anderen Ländern verboten
ist.



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