Studie: No-Deal-Brexit könnte 100 000 Deutsche den Job kosten

10.02.2019 15:10

Theresa May sucht mehr Zeit für Nachverhandlungen mit der EU. Läuft
es trotz aller Gespräche am Ende auf einen No-Deal-Brexit hinaus,
dürfte das schwere Folgen für den deutschen Arbeitsmarkt haben -
zumindest wenn man einer Simulation deutscher Wissenschaftler folgt.

Berlin (dpa) - Ein ungeordneter Brexit könnte nach neuen Berechnungen
die Arbeitsplätze von 100 000 Menschen in Deutschland gefährden. Das
ergab eine Simulation von Wissenschaftlern des Leibniz-Instituts für
Wirtschaftsforschung Halle (IWH) und der Martin-Luther-Universität
Halle-Wittenberg, über die die «Welt am Sonntag» berichtete.

Ob es eine Einigung gibt und vor allem wann, ist allerdings weiter
unklar. Am Sonntag bestätigte eine Sprecherin der britischen
Regierung der Deutschen Presse-Agentur, dass Premierministerin
Theresa May das Parlament in London noch einmal um mehr Zeit für
Nachverhandlungen mit der EU bitten wolle.

Für eine Abstimmung über das weitere Vorgehen ist demnach nun der 27.
Februar vorgesehen. Die Opposition wirft May vor, Zeit zu schinden,
um die Abgeordneten kurz vor dem Brexit-Datum am 29. März in einer
Friss-oder-stirb-Abstimmung vor die Wahl zwischen ihrem Vertrag mit
der EU und einem ungeregelten Brexit zu stellen.

Dass es überhaupt ein Abkommen Großbritanniens mit der EU gibt,
dürfte auch für deutsche Arbeitnehmer von Interesse sein, wenn man
der Untersuchung aus Halle folgt: «In keinem anderen Staat ist der
Effekt auf die Gesamtbeschäftigung so groß wie in Deutschland», sagte

einer der Studienautoren, Oliver Holtemöller, der Zeitung.

Nach einem ungeregelten Brexit würden wieder Zölle auf Importe nach
Großbritannien erhoben. Die Simulation der Wissenschaftler erfasse
nur Jobeffekte, die auf den daraus folgenden Exporteinbruch
zurückzuführen seien. Weitere Brexit-Gefahren für den Arbeitsmarkt,
etwa sinkende Investitionsbereitschaft, bildeten die Zahlen nicht ab.

In Deutschland sei demnach von einem Exportrückgang vor allem die
Autoindustrie betroffen. Die größten Auswirkungen gäbe es - gemessen

an der Gesamtzahl der Beschäftigten - am VW-Standort Wolfsburg und am
BMW-Standort Dingolfing-Landau in Niederbayern. Für Wolfsburg habe
die Formel ergeben, dass 500 Arbeitnehmer potenziell betroffen seien,
für Dingolfing-Landau seien es 265. In beiden Fällen entspräche das
rund 0,4 Prozent der gesamten Beschäftigten.

Viele Arbeitnehmer (726 oder rund 0,3 Prozent) müssten demnach auch
im Landkreis Böblingen bei Stuttgart um ihre Stellen fürchten. Dort
sitzen Technologiekonzerne wie IBM oder Siemens, auch Daimler hat ein
Werk. Ähnlich sei die Situation im Märkischen Kreis im südlichen
Westfalen, wo viele mittelständische Unternehmen mit Auslandsgeschäft
sitzen - laut der Formel sind hier 703 Stellen oder 0,3 Prozent der
Beschäftigten potenziell bedroht.

Zusammengefasst: Gefahren sehen die Wissenschaftler vor allem für
Landkreise in Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen. Jobs
in Ostdeutschland seien dagegen kaum gefährdet.

Nach Deutschland sei Frankreich das EU-Land, dessen Arbeitsmarkt
durch einen ungeregelten Brexit am stärksten bedroht sei. Hier seien
fast 50 000 Arbeitnehmer betroffen. In China seien es knapp 59 000.
Gemessen an der Gesamtbevölkerung seien die Auswirkungen in Malta und
Irland am größten. Weltweit könnten den Berechnungen zufolge nach
einem ungeregelten Brexit 612 000 Menschen ihre Arbeit verlieren.

Die Zahlen sind Ergebnisse einer Simulationsrechnung: Für die
Untersuchung sind die Autoren davon ausgegangen, dass die Importe
Großbritanniens nach einem ungeordneten Brexit um 25 Prozent
einbrechen - ein Wert, der gängigen wissenschaftlichen Schätzungen
entspreche. Sie entwickelten eine Formel, mit der sie berechnen
konnten, wie sich ein solcher Importeinbruch auf welche Industrie und
welches Land auswirkt. Grundlage dafür waren Daten der World Input
Output Database (WIOD), die die Welthandelsverflechtungen von Staaten
dokumentiert.

Andere Brexit-Nachrichten dürften Arbeitnehmern in der EU dagegen
Hoffnung machen. Das niederländische Wirtschaftsministerium teilte am
Samstag mit, dass 42 britische Unternehmen seit 2018 in die
Niederlande umgezogen seien. Damit waren demnach 291 Millionen Euro
Investitionen verbunden, etwa 2000 Arbeitsplätze seien geschaffen
worden.

Wie geht es nun weiter? May will spätestens am Mittwoch eine
Erklärung im Parlament über den Stand der Verhandlungen abgeben.
Sollte das Parlament May am Donnerstag mehr Zeit gewähren, wäre das
bereits die zweite Verlängerung seit der krachenden Niederlage für
ihren Brexit-Deal Mitte Januar. Bisher lehnt die EU jegliche Änderung
am Brexit-Abkommen kategorisch ab.



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