Nach Migrantenzustrom: Athen ruft EU zur Aufnahme von Kindern auf

08.09.2019 14:31

In der Ägäis wächst der Zustrom von Migranten. Viele von ihnen sind
minderjährig. Griechenlands Ministerpräsident Mitsotakis appelliert
an die anderen EU-Staaten, wenigstens ein Herz für Kinder zu haben.

Athen (dpa) - Griechenland hat die anderen EU-Staaten aufgerufen,
zumindest minderjährige Migranten aus den Registrierlagern auf den
Inseln der Ägäis aufzunehmen. Dort sind zurzeit mehr als 24 000
Menschen untergebracht. Rund 40 Prozent von ihnen sind laut
UN-Organisationen und griechischen Behörden Minderjährige im Alter
unter 17 Jahren. «Es kann nicht sein, dass ein Land sich weigert, 50
oder 100 Kinder aufzunehmen», sagte der griechische Regierungschef
Kyriakos Mitsotakis am Sonntag im Staatsfernsehen (ERT). Er
kritisierte zudem die Drohung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip
Erdogan, die Grenzen nach Europa für syrische Flüchtlinge zu öffnen.


Der konservative griechische Regierungschef forderte die EU auf,
Maßnahmen gegen jene Staaten zu ergreifen, die sich weigern,
Minderjährige aufzunehmen. «Einige Staaten wollen alle Vorteile der
Bewegungsfreiheit im Schengen Raum haben, sie weigern sich aber, die
Lasten zu teilen», sagte Mitsotakis. Vor allem das Problem mit den
Kindern liege ihm am Herzen.

Von Samstagmorgen bis Sonntagmittag Ortszeit setzten nach Angaben der
griechischen Küstenwache 332 Migranten zu den Inseln, Rhodos,
Kalymnos, Samos, Farmakonisi und Lesbos und damit auch in die EU
über. In den für insgesamt rund 6300 Menschen ausgelegten
Registrierlagern auf den Inseln Lesbos, Chios, Samos, Leros und Kos
leben bereits mehr als 20 000 Menschen. Weitere 4000 Menschen sind in
kleineren Lagern und Wohnungen untergebracht. Im August setzten nach
Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR 8103 Menschen aus der
Türkei zu den griechischen Ägäis-Inseln über. Im August 2018 kamen

knapp 3200.

Mitsotakis wies außerdem die Drohung des türkischen Präsidenten Recep

Tayyip Erdogan zurück, die Grenzen nach Europa für syrische
Flüchtlinge zu öffnen. «Erdogan muss begreifen, er kann nicht der EU

und Griechenland drohen, um mehr Gelder (für die Türkei) zu sichern».

so Mitsotakis. Die EU habe bereits sechs Milliarden Euro an die
Türkei wegen des Migrantenzustroms überwiesen.

Wenn Erdogan das Abkommen mit der EU neu aushandeln möchte, dann
könne man darüber sprechen, sagte Mitsotakis. «Nicht aber mit
Drohungen und mit einer Sprache, die nicht mit guter Nachbarschaft im
Einklang steht.»

Erdogan hatte am Samstag erklärt, die Türkei könne einen möglichen

weiteren Flüchtlingszustrom aus Syrien nicht alleine schultern. Er
appellierte an die EU, genügend finanzielle Unterstützung
bereitzustellen. «Entweder Sie teilen diese Last oder wir müssen die
Tore öffnen», sagte Erdogan.

Die Türkei hat seit Beginn des Bürgerkrieges im Nachbarland Syrien
2011 rund 3,6 Millionen Flüchtlinge aufgenommen, mehr als jedes
andere Land der Welt.

Der im März 2016 geschlossene Flüchtlingspakt zwischen der EU und der
Türkei sieht vor, dass die EU alle Migranten, die illegal über die
Türkei auf die griechischen Inseln kommen, zurückschicken kann. Auf
dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 hatte es Tage
gegeben, an denen rund 7000 Migranten über die Türkei griechische
Inseln erreichten.

Die Bearbeitung der Asylanträge kommt wegen Personalmangels jedoch
auch heute nur mühsam voran. Die im Juli abgelöste linke Regierung in
Athen unter Ex-Premier Alexis Tsipras hatte wiederholt erklärt, sie
habe nicht genügend Sachbearbeiter, um Asylverfahren voranzubringen.

Die neue konservative griechische Regierung hat angekündigt, die
Asylverfahren zu beschleunigen. Wer kein Asyl bekommt, soll sofort in
die Türkei zurückgeschickt werden. Für die Bearbeitung der
Asylanträge soll es mehr Personal geben. «Wir werden das Verfahren
beschleunigen, ohne Menschenrechte zu verletzen», sagte
Regierungschef Mistotakis.



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