Lindsay Hoyle folgt Bercow als Präsident des britischen Unterhauses Von Christoph Meyer und Benedikt von Imhoff, dpa

04.11.2019 22:11

Es sind große Fußstapfen, in die Lindsay Hoyle tritt.
Ex-Parlamentspräsident John Bercow hatte das vergangene Jahrzehnt
nicht nur mit seinen markanten Order-Rufen geprägt. Hoyle dürfte
jedoch versuchen, weniger anzuecken als sein Vorgänger.

London (dpa) - Lindsay Hoyle ist am Montag zum neuen Präsidenten des
britischen Unterhauses gewählt worden. Der Labour-Abgeordnete setzte
sich am Abend im vierten Wahlgang mit 325 Stimmen gegen seinen
Parteifreund Chris Bryant durch. «Ich werde neutral sein, ich werde
transparent sein», gelobte der 62 Jahre alte Politiker.

Der neue «Speaker of the House of Commons» wurde von seinen Kollegen
zu seinem Stuhl gezerrt - eine Tradition aus früheren Jahrhunderten,
als der Unterhauspräsident nicht selten in der Auseinandersetzung mit
der Krone auf dem Schafott landete. Hoyle ließ sich willig zu seinem
neuen Platz geleiten.

Das Parlament werde sich zum Besseren verändern, kündigte der
Sozialdemokrat an. Er werde wieder dafür sorgen, dass Respekt und
Toleranz gegenüber jedem gezeigt werde, der im Parlament arbeite -
ein wenig versteckter Seitenhieb an seinen Vorgänger John Bercow, der
immer wieder wegen seiner ruppigen Auftretens in die Kritik geraten
war.

Bercow hatte vergangene Woche nach zehn Jahren das Amt abgegeben, nur
kurz bevor das Parlament für die vorgezogene Wahl am 12. Dezember
aufgelöst wird. Dadurch wurde die Auswahl des neuen Speakers
ungewöhnlicherweise am Ende statt zu Beginn einer Legislaturperiode
getroffen.

Als einer der ersten gratulierte Premierminister Boris Johnson dem
neu gewählten Unterhauspräsidenten. «Ich stelle fest, dass Sie sich

gegen ein extrem starkes Bewerberfeld durchgesetzt haben», so
Johnson.

Der Parlamentspräsident hat eine zentrale Rolle im Unterhaus inne. Er
erteilt und entzieht Abgeordneten das Wort, entscheidet über die
Zulässigkeit von Anträgen und vertritt die Kammer unter anderem
gegenüber der Königin und dem Oberhaus (House of Lords).

Bercow war der 157. «Speaker» und seit 2009 im Amt. Er galt als
großer Reformer, der den Hinterbänklern viel öfter das Wort erteilte

als bis dahin üblich. Auch die Zahl der Dringlichkeitsdebatten nahm
erheblich zu unter Bercow - Regierungsmitglieder mussten viel öfter
Rede und Antwort stehen, als ihnen lieb war. Alte Zöpfe schnitt er
ab. Beispielsweise verzichtete er auf das traditionelle Gewand des
Speakers. Stattdessen trug er Anzug, oft schrille Krawatten und eine
schlichte Robe. Perücken waren bereits unter seinen Vorgängern aus
der Mode gekommen.

Doch er eckte immer wieder auch an. Im Streit über den geplanten
EU-Austritt des Landes kritisierten ihn vor allem Brexit-Hardliner
als parteiisch. Mehrmals setzte sich der 56-Jährige über Konventionen
hinweg, damit sich die Abgeordneten im Streit mit der Regierung
durchsetzen konnten. Der ehemalige Konservative, als Speaker hatte er
seine Parteizugehörigkeit abgelegt, rechtfertigte das mit einem immer
stärker autoritären Regierungsstil. Viele Parlamentarier lobten, er
habe die Rechte des Unterhauses gegenüber der Regierung gestärkt.

Bereits in der Nacht zum Mittwoch soll das Parlament aufgelöst werden
für die anstehende Neuwahl am 12. Dezember. Dann muss auch der
«Speaker» im Amt bestätigt werden; nach den Parlamentswahlen 2015 und

2017 geschah dies jeweils ohne Wahl.



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