Bürgermeister auf Samos: «Migranten und Einwohner 1:1 geht nicht» Von Takis Tsafos, dpa

29.11.2019 02:43

Die Lage im Registrierlager für Migranten auf Samos ist explosiv. Das
eintönige Leben auf viel zu engem Raum fördert Aggressionen. Nun wird
ein großes Abschiebelager geplant. Bürgermeister Stantzos kämpft fü
r
seine Bürger - und fordert Solidarität von Europa ein.

Athen/Samos (dpa) - Wie lange werden die Bürger von Vathy die
Entwicklung noch hinnehmen? Bürgermeister Georgios Stantzos ist
besorgt. Nur 7000 Einwohner zählt sein Heimatort - immerhin der
größte der Insel Samos. Doch auf einem Hügel oberhalb von Vathy
harren seit Monaten fast genau so viele Migranten im und um ein
Registrierlager aus, das nur für 648 Menschen geplant war. Immer
wieder kommt es zu Spannungen zwischen Migranten oder zwischen
Migranten und der Polizei. Jetzt reagiert die Regierung - und
Stantzos sagt der Deutschen Presse-Agentur seine Meinung dazu. 

Frage: Was halten Sie von den Plänen Athens, die heute auf den Inseln
existierenden Lager zu schließen und neue sogenannte geschlossene
Camps für mindestens 5000 Menschen zu bauen?

Antwort: Es kann nicht sein, dass wir hier eine ganze Stadt mit
Migranten haben. Die Rede war nicht von einem Lager mit 5000 und mehr
Migranten. Die Regierung hatte uns gesagt, diejenigen, die zurzeit
hier sind, sollen zum Festland gebracht werden. Danach soll es ein
Camp nur für 1200 Menschen geben, das etwa 5,5 Kilometer entfernt von
unserer Kleinstadt liegt. Falls sie (die Regierung in Athen) auf
ihren Plänen mit den 5000 und mehr Migranten besteht, werden ich und
auch die meisten Mitglieder des Stadtrates zurücktreten.

Frage: Sie wollen also geschlossene Lager?

Antwort: Die Lager sollen schon geschlossene Anstalten sein - nicht
offene Camps. Die Nachricht an die Schleuser muss sein, dass die
Grenzen besser überwacht werden und dass die Lager nicht offen sind.
Dass also niemand vom ersten Tag an frei rumlaufen kann, ohne dass
man ihn registriert und ohne dass man weiß, wer er ist, wo er
herstammt oder wie sein Gesundheitszustand ist.

Frage: Vathy trägt wegen des starken Zustroms von Migranten eine
große Last. Wie ist die Situation vor Ort?

Antwort: Jetzt, wo die Tourismussaison vorbei ist, haben wir ein
Verhältnis Einwohner - Migranten von eins zu eins. Das geht
nicht. Das Registrierzentrum ist offen, jeder kann beliebig rein und
raus. Das Lager befindet sich am Rande meiner Stadt. Wir reden
praktisch von zwei Städten, die nebeneinander existieren. Damit wird
die vorhandene Infrastruktur enorm belastet.

Frage: Welche Folgen hat das genau?

Antwort: Wir hatten Ausschreitungen frustrierter Migranten im
Oktober. Sie randalierten. Die Polizei musste hart durchgreifen. Das
kann sich jeden Moment wiederholen. Jeder kleine unvorhersehbare
Zwischenfall kann Schlimmes zur Folge haben. Das sage ich auch immer
wieder den zuständigen Entscheidungsträgern.

Frage: Athen bringt immer mehr Migranten aufs Festland. Dennoch wird
ihre Zahl auf Samos nicht weniger - warum?

Antwort: Ja, das ist das Schlimme - im Moment werden Migranten
einerseits von Samos zum Festland gebracht, andererseits setzen
täglich neue Migranten von der Türkei zu uns über. Dieses Problem
müssen die EU und die Türkei im Rahmen des Flüchtlingspakts lösen.


Frage: Hat die Flüchtlingskrise den Tourismus von Samos negativ
beeinflusst?

Antwort: Wir können das Problem nicht verheimlichen. Wir haben aber
in keinem Fall erlaubt, dass der Tourist - unser Besucher - sich
unsicher fühlt. Aber sicherlich ist es nicht das Beste für den
Tourismus. Was wir erwarten ist, dass die Regierung agiert. Wir
versuchen immer wieder, sowohl in Athen als auch bei der EU, auf die
Lage hier aufmerksam zu machen. So kann es nicht weitergehen.

ZUR PERSON: Georgios Stantzos ist 1967 auf Samos geboren. Er hat in
der nordgriechischen Hafenstadt Thessaloniki studiert und arbeitet
als Prokurist in Vathy, dem wichtigsten Ort der Insel. Stantzos ist
Mitglied des Tierschutzvereines und freiwilliger Feuerwehrhelfer.
Zudem taucht er gerne. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Stantzos sitzt seit 1998 im Stadtrat von Vathy und war für Jugend-
Sport- und soziale Themen zuständig. Politisch gehörte er der
Panhellenischen Sozialistischen Bewegung (Pasok) an. 2012 verließ er
diese Partei und wurde dann 2019 als unabhängiger Kandidat zum
Bürgermeister von Vathy/Samos gewählt. 



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