Niedrigzinsen und Stellenabbau - Verschärft sich die Bankenkrise 2020? Von Jörn Bender, dpa

29.11.2019 02:44

Das Zinstief nagt an den Gewinnen der Banken. Viele Kunden müssen
inzwischen die Zeche zahlen. Wie lange hält die Branche noch durch?

Frankfurt/Main (dpa) - Minuszinsen ab dem ersten Euro, steigende
Gebühren - immer mehr Bankkunden in Deutschland bekommen die
Schattenseiten des Zinstiefs zu spüren. Bei den Instituten selbst
stehen Tausende Stellen auf der Streichliste, weitere Filialen werden
geschlossen. Sparen, schrumpfen, stutzen - mehr scheint vielen
Managern nicht mehr einzufallen.

Ruinieren die Niedrigzinsen das Finanzsystem, wie Deutsche-Bank-Chef
Christian Sewing im Herbst schimpfte? Oder wird die Geldpolitik der
Europäischen Zentralbank (EZB) zum Katalysator für die notwendige
Erneuerung der Branche? Sicher ist: Das große Umbauen wird -
mindestens - im Jahr 2020 weitergehen.

«Ich glaube, die nächsten zwei, drei Jahre gehören beinhart den
Themen (...) Restrukturierung, Kosten- und Komplexitätsreduzierung»,
sagte der Präsident der Finanzaufsicht Bafin, Felix Hufeld, Mitte
November bei einer Podiumsdiskussion mit Bankern in Frankfurt.

«Das Problem Nummer eins der deutschen Banken ist der Mangel an
Profitabilität und damit ein Mangel an Fähigkeit, Kapital zu
generieren, das man dringend braucht, wenn die Lage schlechter wird»,
analysierte Hufeld. «Das kann nur gelöst werden, indem Hunderte von
Banken ihre Hausaufgaben machen.» Der Aufseher mahnte: «Wenn wir da
nicht mit der nötigen Ernsthaftigkeit rangehen, dann kann uns in den
nächsten Jahren (...) eine ausgesprochen belastende Situation
drohen.»

Selbst Deutsche-Bank-Vizechef Karl von Rohr kann dem Zinstief
zumindest etwas Positives abgewinnen: «Ich glaube, am Ende hilft es,
dass wir uns ernsthaft darüber Gedanken machen müssen, wie wir unser
Geschäftsmodell ändern können.» Das Umfeld zwinge Geldhäuser, sic
h
stärker um alternative Ertragsmöglichkeiten zu bemühen.

Ganz so einfach ist das in der Praxis freilich nicht. Tech-Konzerne
wie Apple und Google machen etablierten Geldhäusern ebenso Konkurrenz
wie aufstrebende Finanz-Start-ups. Auch ohne die Herausforderungen
der Digitalisierung ist der Preiskampf in Deutschland schon extrem
hart, weil hierzulande vergleichsweise viele Banken um Privatkunden
und Mittelstand buhlen - mancher Beobachter meint: zu viele.

«In der Finanzkrise hat man sehr viele Banken gerettet, das hat ein
mögliches Overbanking noch verstärkt», sagt die Wirtschaftsweise
Isabel Schnabel. In Deutschland gab es Ende vergangenen Jahres laut
Bundesbank 1783 Kreditinstitute. Zwar sinkt die Zahl seit Jahren.
Aber höhere Preise sind in diesem umkämpften Markt schwerer
durchsetzbar. Was für Kunden gut ist, schmälert den Gewinn der
Banken.

Braucht Deutschland schlicht größere Banken? Liegt das Heil gar
außerhalb der Landesgrenzen? Bislang behindert der europäische
Flickenteppich an Insolvenz- und Abwicklungsregeln grenzübergreifende
Zusammenschlüsse von Banken. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD)
und sein Staatssekretär, der ehemalige Investmentbanker Jörg Kukies,
schicken sich an, in diesem Punkt für Abhilfe zu sorgen.

Selbst das emotional diskutierte Thema der Sicherung von Spargeldern
über die nationalen Grenzen hinaus wollen Scholz und Kukies nach
Jahren des Stillstands vorantreiben. Offen ist, ob der - auch für den
Koalitionspartner - überraschende Vorstoß fruchten wird.

Vorerst geplatzt ist der aus der Berliner Politik genährte Traum von
einem «nationalen Champion». Zu teuer, zu langwierig, zu riskant -
das Urteil von Deutscher Bank und Commerzbank nach sechswöchigen
Gesprächen über eine mögliche Fusion der beiden größten deutschen

Privatbanken fiel Ende April eindeutig aus.

Die Alternative: Stellenabbau, Filialschließungen, Konzernumbau.
Während die US-Konkurrenz längst wieder Milliardengewinne einfährt
und Institute aus China an Einfluss gewinnen, sind Deutschlands
Großbanken mehr als eine Dekade nach der Finanzkrise 2007/2008
weiterhin mit sich selbst beschäftigt.

Dass ein größerer europäischer Bankenmarkt die Probleme lösen wird,

daran haben unter anderem die Volks- und Raiffeisenbanken Zweifel.
«Davon profitiert kein deutscher Kunde», meint der Co-Chef der DZ
Bank, Uwe Fröhlich. Fröhlich argumentiert aus einer Position der
Stärke: Das genossenschaftliche Spitzeninstitut wird 2019 ungeachtet
des schwierigen Umfelds einen Milliardengewinn einfahren.

Deutsche-Bank-Vize von Rohr sieht die Frage nach Größe naturgemäß
anders: «Es muss jeder für sich selbst wissen, ob man sich zufrieden
gibt, im eigenen Vorgarten die Gartenzwerge zu zählen, oder ob man
größer denkt.» Für Deutschlands größtes Geldhaus finde die Neuo
rdnung
der Branche auf europäischer Ebene statt.

Bafin-Chef Hufeld jedoch erwartet kurzfristig wenig Bewegung in
Sachen Konsolidierung: «In etwa drei Jahren wird es wieder spannend
werden, dann werden einige Hausaufgaben gemacht sein.»

Möglicherweise tut sich auf dem deutschen Markt aber auch früher was:
Die Sparkassen treiben die seit Jahren immer wieder bemühte Idee
eines Zentralinstituts für den öffentlich-rechtlichen Sektor voran.
Bald könnte sich zeigen, ob Sparkassenpräsident Helmut Schleweis das
ehrgeizige Projekt zumindest zu einem ersten Erfolg führen kann.

Über allem schwebt die Frage: Wie lange hält die Branche das Zinstief
noch durch? Selbst Raimund Röseler, oberster Bankenaufseher der
Finanzaufsicht Bafin, sprach im September von einer «zerstörerischen
Wirkung» des Niedrigzinsumfeldes: «Irgendwann leben die Institute nur
noch von der Substanz und das schaffen sie unterschiedlich lange.»

Drastisch brachte es im Herbst ein Frankfurter Banker auf den Punkt:
In fünf Jahren müsse es vorbei sein mit dem Zinstief, «sonst
kollabieren wir». Die Bafin hat bereits ihre Kräfte zur Betreuung
kriselnder Banken gebündelt - und Röseler geht davon aus, dass die
Spezialeinheit in den nächsten Jahren spürbar mehr zu tun haben wird.
Der nächste Stresstest der EZB und der europäischen Bankenaufsicht
EBA, dessen Ergebnisse Ende Juli erwartet werden, wird Aufschluss
darüber geben, wie es um Europas Banken bestellt ist.



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