Wachwechsel in Brüssel: Die EU-Spitze verabschiedet sich Von Verena Schmitt-Roschmann, dpa

29.11.2019 16:38

Was Hitchcock mit Brüssel zu tun hat und warum ein Topjob bei der
Europäischen Union kein Picknick ist: Zum Abschied blicken die
Präsidenten Juncker und Tusk zurück. Ihre Nachfolger hoffen auf
einfachere Zeiten für Europa.

Brüssel (dpa) - Jean-Claude Juncker begann seinen Abschied mit großen
Worten. «Es ist kein Geheimnis, dass Europa die große Liebe meines
Lebens ist und immer bleiben wird», schrieb der scheidende
EU-Kommissionschef am Freitagmorgen beim Portal «Politico». Doch
mittags hatte der oft schelmische Luxemburger von der Verabschiederei
schon wieder genug. Bei seiner letzten Pressekonferenz stoppte er
weitere Fragen profan. «Ich habe Hunger», sagte der 64-Jährige und
verdrückte sich schnellstmöglich von der Bühne.

Es war der Tag des Wachwechsels an der Spitze der Europäischen Union.
Nicht nur Juncker räumte nach fünf Jahren als Präsident der
EU-Kommission sein Büro. Für ihn kommt am Sonntag Ursula von der
Leyen. Auch Ratschef Donald Tusk übergab am Freitag seine
Amtsgeschäfte - und seine Sitzungsglocke - offiziell an Nachfolger
Charles Michel.

Die scheidenden Präsidenten wirkten vor allem erleichtert, nach fünf
schweren Jahren mit Eurokrise, Terrorkrise, Migrationskrise und der
unendlichen Brexit-Saga. «Die vergangenen fünf Jahre waren kein
Picknick», meinte Juncker. Tusk sagte es so: «Ich hatte keine Ahnung,
dass das Drehbuch meiner Amtszeit von Alfred Hitchcock selbst
geschrieben sein würde» - frei nach dem Motto des Regiegenies, ein
Film sollte mit einem Erdbeben beginnen und sich dann langsam
steigern.

Die Nachfolger hoffen auf leichtere Zeiten, in der sie nicht nur
immer neuen Krisen hinterherhecheln, sondern selbst gestalten. Und
sie sprechen viel von einer neuen, starken, selbstgewisseren EU. «Ich
will, dass Europa Weltmeister der grünen Ökonomie wird mit Jobs,
Innovation und einer hohen Lebensqualität», sagte Michel, bis vor
kurzem noch Regierungschef in Belgien.

Er bezog dies nicht nur auf den Klimaschutz. «Europa muss aufrechter
stehen in der Welt, selbstbewusster, und sich für unsere Sichtweise
und unsere Werte stark machen», meinte der 43-Jährige. «Wir haben so

viele Gründe, zuversichtlich, selbstsicher und entschieden
aufzutreten.»

Der Liberale fühlt sich prädestiniert als Vermittler in Europa, zumal
er aus einem Land mit «sechs Regierungen, sieben Parlamenten, drei
nationalen Sprachen und mehr als 1000 Biersorten» stammt, wie er
neulich in einer Rede in Amsterdam sagte. Damit sieht sich der Jurist
aus Namur gestählt für seine Rolle als Koordinator der EU-Staaten,
obwohl dort nun 24 Amtssprachen und 50 000 verschiedene Biersorten
auf ihn zukommen. Er wünscht sich eine aktive Rolle: «Lasst uns nicht
die Schlagzeilen lesen, lasst uns Schlagzeilen machen.»

Allerdings könnte die Realität auch den neuen Ratspräsidenten bald
einholen, denn fast der erste Tagesordnungspunkt ist wiederum: der
Brexit, der nun für Ende Januar vorgesehen ist. Und im Kreis der
künftig 27 Länder muss der Belgier seine Position erst noch
behaupten, gilt er doch als Vertrauter - wenn nicht Marionette - des
französischen Präsidenten Emmanuel Macron.

Der hatte nicht nur bei der Besetzung der EU-Spitzenposten seinen
Willen ziemlich brachial durchgesetzt und Michel protegiert. Macron
stiftet immer wieder mit Alleingängen Unmut, auch bei EU-Partnern,
die ihn als mutigen Europäer eigentlich schätzen. Zuletzt setzte er
auf großer internationaler Bühne ein Ausrufezeichen mit seiner
inzwischen vielzitierten Diagnose eines «Hirntods» der Nato und der
Forderung nach einer eigenständigen Verteidigung Europas.

Juncker konnte sich in seiner Abschiedskolumne bei «Politico» denn
auch einen kleinen Seitenhieb auf Macron nicht verkneifen. «Europa
muss eine starke Säule der Nato bleiben, die weniger «hirntot» ist
als in einem leichten Dämmerschlaf, aus dem sie leicht geweckt werden
kann», schrieb der scheidende Kommissionschef.

Dabei kam Macron allerdings noch besser weg als ein Amtsvorgänger des
Franzosen, der konservative frühere Präsident Jacques Chirac, von dem
Juncker eine kuriose Anekdote kolportierte. Nach einem langen
Telefonat mit dem damaligen US-Präsidenten Bill Clinton hatte Juncker
nach eigenen Worten gerade aufgelegt, da rief prompt Chirac an und
fragte: «Aber warum hast du das zu Clinton gesagt?» Juncker schloss
daraus: «Danke, dass du mitgehört hast, mon ami. Wie es aussieht,
sind es nicht immer die USA, die Anrufe abhören.»



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