Teuerstes Medikament der Welt vor Marktstart in Deutschland

20.05.2020 14:42

Kein anderes Medikament ist so teuer wie die Novartis-Gentherapie
Zolgensma. Jetzt soll das von Eltern kranker Kinder sehnlichst
erwartete Mittel in Deutschland auf den Markt kommen. Von den
Krankenkassen kommt eine klare Ansage.

Brüssel (dpa) - Das derzeit teuerste Medikament der Welt kann nun
auch in Deutschland auf den Markt kommen. Zolgensma habe eine
vorläufige EU-Zulassung erhalten, bestätigte ein Sprecher der
EU-Kommission am Mittwoch. Sie gilt demnach für die Behandlung von an
spinaler Muskelatrophie (SMA) erkrankte Babys und Kinder mit einem
Gewicht von bis zu 21 Kilogramm.

Zolgensma ist eine von der Novartis-Tochter Avexis entwickelte
Gentherapie. Sie ist in den USA bereits seit einiger Zeit zugelassen
und kostet dort lautet Listenpreis 2,1 Millionen Dollar (1,9
Millionen Euro). Die Erbkrankheit SMA löst unter anderem
Muskelschwund aus. Unbehandelt führt sie oft vor Erreichen des
zweiten Lebensjahres zum Tod.

Für Schlagzeilen hatte Zolgensma zuletzt wegen einer Verlosungsaktion
von Novartis gesorgt. Bei ihr konnten sich Eltern von erkrankten
Säuglingen und Kleinkindern bis 2 Jahren um 100 kostenlose
Behandlungen bewerben. Betroffene Eltern, die Gesellschaft für
Muskelkranke und Medizinethiker hatten die Verlosungsaktion
kritisiert. Sie warfen dem Unternehmen unter anderem eine verdeckte
Marketingkampagne und ein Spiel mit Hoffnungen von Eltern vor.

Nach der Zulassung will Novartis das Medikament in Kürze in
Deutschland auf den Markt bringen. Der genaue Termin sei allerdings
noch offen, sagte eine Sprecherin am Mittwoch der Deutschen
Presse-Agentur. Nach der offiziellen Markteinführung kann Zolgensma
nach Angaben des Verbands der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV)
sofort von Ärzten zu Lasten der GKV verordnet werden.

In den ersten zwölf Monaten nach Markteintritt eines Arzneimittels
gelte dabei der vom Hersteller festgelegte Preis, erklärte eine
Sprecherin des GKV-Spitzenverbands auf Anfrage. Danach wird ein
zwischen dem Hersteller und dem GKV-Spitzenverband ausgehandelter
Preis gelten.

Grundlage für die Verhandlungen ist ein sogenanntes
Nutzenbewertungsverfahren. In ihm wird innerhalb von drei Monaten
nach Marktzulassung eines neuen Arzneimittels bewertet, ob ein
gegebenenfalls behaupteter Zusatznutzen gegenüber der zweckmäßigen
Vergleichstherapie anerkannt wird.

Das für Zolgensma zuständige Novartis-Unternehmen Avexis rechtfertigt
den hohen Preis für sein Medikament damit, dass es im Gegensatz zu
einem Konkurrenzprodukt nur einmal verabreicht werden muss und dafür
sorgt, dass höhere Kosten vermieden werden könnten. Derzeit koste die
Versorgung eines an SMA erkrankten Kindes allein in den ersten zehn
Jahren zwischen 2,5 und 4 Millionen Euro, heißt es von Avexis.

Die Novartis-Srecherin wies am Mittwoch zudem darauf hin, dass das
Unternehmen mit Krankenkassen flexible Preismodelle verhandelt.
Demnach zahlt Avexis die Kosten für die Therapie bis zu 100 Prozent
zurück, wenn sie nicht anschlägt.

Zolgensma zielt nach Angaben von Avexis darauf ab, die genetische
Ursache der spinalen Muskelatrophie zu bekämpfen, indem sie die
Funktion des fehlenden oder nicht funktionierenden SMN1-Gens ersetzt.
Die Therapie wird einmalig intravenös verabreicht und bringt eine
neue Arbeitskopie des SMN1-Gens in die Zellen des Patienten, was das
Fortschreiten der Krankheit stoppen soll. In Europa werden laut
Avexis jährlich etwa 500 bis 600 Kinder mit spinaler Muskelatrophie
geboren.



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