Noch zu viel Nitrat im Grundwasser - Regierung aber optimistisch Von Teresa Dapp und Sascha Meyer, dpa

09.07.2020 14:47

Nach jahrelangem Hin und Her hat Deutschland die Regeln fürs Düngen
auf den Feldern im Frühjahr verschärft. Warum das sein musste, zeigt
ein neuer Bericht zu Nitratwerten. Nun sieht die Bundesregierung sich
auf Kurs - dabei sind noch nicht alle Fragen geklärt.

Berlin (dpa) - Das deutsche Grundwasser ist vor allem in
landwirtschaftlichen Regionen weiterhin zu stark mit Nitrat belastet.
Die Bundesregierung ist aber zuversichtlich, dass die kürzlich
verschärften Regeln fürs Düngen das Problem in den kommenden Jahren
lösen werden. An mehr als jeder vierten Grundwasser-Messstelle in
Agrarregionen wird der EU-Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter dem
neuen Nitratbericht zufolge weiterhin überschritten. Der Anteil sank
im Vergleich zum vorigen Bericht aus dem Jahr 2016 nur leicht von
28,2 auf 26,7 Prozent. Vor allem an Messstellen mit starker Belastung
gab es demnach aber Verbesserungen.

Auf Druck der EU und nach langem Streit zwischen Umwelt- und
Landwirtschaftsministerium hatte Deutschland das Düngerecht im
Frühjahr verschärft. Umwelt-Staatssekretär Jochen Flasbarth sagte am

Donnerstag, er sei zuversichtlich, dass man damit nun «auf Kurs» sei
und die Grenzwerte künftig einhalten werde. Es dauere aber teils
lange, bis Änderungen auf den Feldern auch an den Werten im
Grundwasser ablesbar seien. Auch Agrar-Staatssekretärin Beate Kasch
betonte, dass es sich bei dem Bericht um einen Rückblick handele. Er
basiert auf Daten aus den Jahren 2016 bis 2018.

Alle vier Jahre müssen die EU-Staaten Daten zur Nitratbelastung ihres
Grund- und Oberflächenwassers liefern. Deutschland hat seit Jahren
Ärger, weil die Werte zu hoch sind. Ohne die im Frühjahr
beschlossenen, schärferen Düngeregeln hätten Strafzahlungen an
Brüssel von bis zu 850 000 Euro am Tag gedroht. Aus Dünger wie etwa
Gülle gelangt Nitrat in den Boden, das gut fürs Pflanzenwachstum ist.
Zu viel davon kann die Natur aus dem Gleichgewicht bringen. Zudem
können aus Nitrat gesundheitsgefährdende Nitrite entstehen.

Im Vergleich zum vorherigen Bericht stellten die Experten eine
«leichte Abnahme» der Nitratgehalte im landwirtschaftlich
beeinflussten Grundwasser fest. Während von den 692 Messstellen im
Agrarbereich 26,7 Prozent zu hohe Werte aufweisen, sind in Wald- und
Siedlungsgebieten nur 4,8 Prozent der 523 Messstellen betroffen. Als
«Hotspots» nannte Falk Hilliges vom Umweltbundesamt das
nordwestdeutsche Tiefland, wo viel Vieh gehalten werde, das
mitteldeutsche Trockengebiet sowie das Rhein-Main-Gebiet, wo wegen
des Gemüseanbaus viel Dünger benötigt werde.

Der Bauernverband hatte schon vergangene Woche die Ergebnisse als
tendenziell positiv bewertet, weil die Werte gesunken waren. Es müsse
aber hinterfragt werden, «inwieweit die landwirtschaftliche
Bewirtschaftung tatsächlich maßgeblich für die Nitratwerte an den
Messstellen ist». Um Zweifel auszuräumen, erarbeitet die
Bundesregierung gerade eine Verwaltungsvorschrift für einheitliche
Mess-Standards und zur Ausweisung sogenannter roter Gebiete, die
besonders belastet sind und für die strengere Regeln gelten sollen.

Wasserversorger halten wenig von den bisherigen Plänen dafür. Der
Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft erklärte, mit dem
Entwurf drohe ein «Wegrechnen» zu hoher Werte, weil nicht Messwerte,
sondern Modellrechnungen ausschlaggebend wären. Die kommunalen
Wasserversorger forderten, das Augenmerk müsse auf den Schutz der
Trinkwasserressourcen gerichtet werden. Auch die Umweltorganisation
BUND betonte, die Bundesländer müssten rote Gebiete sachgerecht
ausweisen, «anstatt sie klein zu rechnen».

Der WWF verwies auf die «angespannte Situation an Nord- und Ostsee»,
die im Bericht ebenfalls dargestellt wird. «Es entstehen immer mehr
sauerstofffreie tote Bodenzonen. Über Flüsse ins Meer gespülte
Nährstoffe fördern das Massenwachstum von Algen und Bakterien»,
mahnten die Umweltschützer. Die Nitratkonzentrationen sind dem
Nitratbericht zufolge in der Nordsee küstennah vor den Mündungen der
Ems, Elbe und Eider am höchsten. Die Ostsee seien die Werte insgesamt
geringer, am höchsten seien sie in den Bodden, küstennah und in der
Nähe der Flussmündungen.



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