Finanzmarktexperte: Neue EU-Börsenaufsicht als Lehre aus Wirecard

10.07.2020 11:21

Frankfurt/Main (dpa) - Eine neue gemeinsame EU-Börsenaufsicht muss
nach Ansicht des Frankfurter Finanzmarktexperten Jan Pieter Krahnen
die Konsequenz aus dem Wirecard-Bilanzskandal sein. Der Betrugsfall
und die darauffolgende Insolvenz des Dax-Konzerns habe «grundlegende
organisatorische Defizite» in der Aufsicht offenbart, schreibt der
Ökonom in einem Gastbeitrag für die «Börsen-Zeitung» (Freitag).

Die Lehre müsse sein, ähnlich wie für die Bankenaufsicht («Single
Supervisory Mechanism»/SSM) einen über den einzelnen nationalen
Aufsichten stehenden «European Single Market Supervisor» (ESMS) zu
schaffen, folgerte Krahnen. Der Wissenschaftler hat intensiv zur
Finanzmarktkrise 2008/2009 geforscht und war beziehungsweise ist
Mitglied diverser Expertenkommissionen zu neuen Regulierungen.

Nach Krahnens Ansicht könnte eine übergeordnete europäische Aufsicht

wie die US-Börsenaufsicht SEC «mit starken Durchgriffsrechten»
ausgestattet werden. «Ein ESMS wird in jedem Land, an jeder Börse,
bei jeder alternativen Handelsplattform und bei den
Wertpapiergeschäften der Banken (...) dafür sorgen, dass nach
einheitlichen Regeln gespielt wird», erklärte der Direktor des
Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung SAFE in Frankfurt.

Wirecard wickelt bargeldlose Zahlungen für Händler ab - an
Ladenkassen wie online. Das Unternehmen mit Sitz in Aschheim bei
München hatte eingeräumt, dass 1,9 Milliarden Euro, die Wirecard auf
Treuhänderkonten verbucht hatte, sehr wahrscheinlich nicht
existieren. Der Zahlungsdienstleister hat Insolvenz angemeldet.

Der Fall hatte Kritik an der Rolle der Finanzaufsicht Bafin
hervorgerufen. Formal war die Bafin nur für die Wirecard Bank AG
zuständig - der Gesamtkonzern Wirecard war als Technologieunternehmen
eingestuft. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) hat inzwischen
einen Umbau der Bafin angekündigt. Die Behörde brauche «die
Möglichkeit, jederzeit Sonderprüfungen in großem Umfang durchführen

zu können», sagte Scholz. Zudem will er der Bafin «mehr
Durchgriffsrechte bei der Kontrolle von Bilanzen geben, unabhängig
davon, ob der Konzern eine Banksparte hat oder nicht».



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