Sturgeon wirbt zum EU-Gipfel für Unabhängigkeit Schottlands

15.10.2020 10:30

Edinburgh/Berlin (dpa) - Die schottische Regierungschefin Nicola
Sturgeon wirbt zum EU-Gipfel um europäische Unterstützung für die
Unabhängigkeit Schottlands vom Vereinigten Königreich. «Die
schottische Regierung glaubt, dass die beste Zukunft für unser Land
als unabhängige Nation innerhalb der EU liegt», schreibt Sturgeon in
einem Gastbeitrag für die «Welt» (Donnerstag). Nach einer neuen
Umfrage ist der Wunsch der Schotten nach Unabhängigkeit gestiegen.

Die EU-Staats- und Regierungschefs beraten über die künftigen
Beziehungen zu Großbritannien auf ihrem zweitägigen Treffen in
Brüssel. Die Verhandlungen mit London über einen Handelspakt nach der
Brexit-Übergangsphase kommen seit Monaten kaum voran.

58 Prozent der Schotten würden jetzt für eine Loslösung vom
Königreich stimmen und 42 Prozent dagegen, wie eine am Donnerstag
veröffentlichte Umfrage des Unternehmens Ipsos Mori ergab. Das sei
der höchste Wert seit Beginn der Statistiken. Viele Schotten sorgen
sich nicht nur wegen der Brexit-Folgen, sondern kritisieren auch das
Krisenmanagement von Premier Boris Johnson in der Corona-Pandemie.

Sturgeon bezeichnete den Austritt Großbritanniens aus der EU als
«verantwortungslos», «töricht» und «schädlich für die Wirts
chaft».
Gerade weil die britische Regierung entschlossen sei, «Konsens und
Solidarität den Rücken zu kehren, braucht Schottland einen
alternativen Weg nach vorn.» Ende des Jahres läuft die
Brexit-Übergangszeit ab. «Schottland und der Rest des Vereinigten
Königreiches werden dann den EU-Binnenmarkt verlassen - entweder ohne
Handelsabkommen oder mit einem Abkommen, das im Vergleich zu unserer
bisherigen Binnenmarkt-Mitgliedschaft sehr schlecht ist.» Das bedeute
Gefahr für Arbeitsplätze, Investitionen und Lebensstandard.

Beim Brexit-Referendum 2016 stimmte eine knappe Mehrheit der Briten
für den EU-Austritt, die Schotten votierten mit 62 Prozent dagegen.
Im September hatte die schottische Regierung erklärt, dass sie ein
neues Unabhängigkeitsreferendum auf den Weg bringen will. Bei der
schottischen Parlamentswahl im Mai 2021 will sich Sturgeon dafür
stark machen, dass Schottland ein unabhängiges Land wird.

Für ein neues Referendum benötigt sie die Zustimmung Londons. Für
Johnson wurde die Frage jedoch schon beim ersten Referendum 2014
geklärt. Damals hatten sich rund 55 Prozent der Schotten gegen eine
Abspaltung vom Königreich ausgesprochen. Sturgeon argumentiert
jedoch, die Umstände hätten sich durch den Brexit geändert.



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