Konflikt in Berg-Karabach: Tote und Verletzte bei neuen Kämpfen

17.10.2020 17:56

Baku/Eriwan (dpa) - Eine Woche nach der vereinbarten Waffenruhe
dauern die Kämpfe in der Konfliktregion Berg-Karabach im Südkaukasus
an. Aserbaidschan meldete schwere Angriffe der armenischen Seite in
der Nacht zum Samstag auf Ganja, die zweitgrößte Stadt des Landes.

Bei dem Raketenbeschuss seien mindestens 13 Menschen getötet worden,
teilte das Zivilschutzministerium in der Hauptstadt Baku mit. Die
Leichen seien etwa unter Trümmern zerstörter Häuser gefunden worden.

Zudem habe es mehr als 50 Verletzte gegeben.

Auf von Aserbaidschan verbreiteten Bildern war zu sehen, wie
Rettungskräfte in zerstörten Häusern nach Überlebenden suchen. Dabe
i
waren auch Suchhunde im Einsatz. Die Behörden sprachen von
erheblichen Schäden.

Der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev nannte den Angriff im
Fernsehen ein Kriegsverbrechen und drohte, dass die armenische
Führung dafür in Rechenschaft gezogen werde. Armenien wies jedoch
eine Verantwortung zurück und warf dem verfeindeten Nachbarn im
Gegenzug vor, selbst hinter dem Angriff zu stecken und dies als
«Propaganda» gegen die Armenier zu verwenden.

Armenien wiederum berichtete von Raketenangriffen der
aserbaidschanischen Seite, darunter auf die Hauptstadt von
Berg-Karabach. Dabei seien in Stepanakert mindestens drei Zivilisten
verletzt worden. Beide Seiten warfen sich gegenseitig vor, erneut
gegen die Feuerpause verstoßen zu haben. Sie war am vergangenen
Samstag unter der Vermittlung Russlands zustande gekommen.

Das Militär von Aserbaidschan teilte zudem mit, es habe einen
armenischen Kampfjet abgeschossen. Das aber dementierte das
armenische Verteidigungsministerium umgehend und erklärte, zwei
Drohnen der gegnerischen Seite abgeschossen zu haben.

Aserbaidschans berichtete von weiteren Geländegewinnen an der Front.
Aliyev erklärte zudem, sein Militär habe die Stadt Fizuli und sieben

umliegende Dörfer unter Kontrolle gebracht. Diese Region grenzt an
Berg-Karabach und war von Armenien besetzt.

Die EU forderte beide Seiten erneut zur Einhaltung der Waffenruhe
auf. «Alle Angriffe auf Zivilisten und zivile Einrichtungen müssen
ein Ende haben», sagte ein Sprecher des EU-Außenbeauftragten Josep
Borrell am Samstag. Die Europäische Union bedauere den Beschuss der
aserbaidschanischen Stadt Ganja.

Die beiden Ex-Sowjetrepubliken kämpfen seit Jahrzehnten um die
bergige Region mit etwa 145 000 Bewohnern. Berg-Karabach wird von
Armenien kontrolliert, gehört aber völkerrechtlich zum islamisch
geprägten Aserbaidschan. In einem Krieg nach dem Zusammenbruch der
Sowjetunion vor rund 30 Jahren verlor Aserbaidschan die Kontrolle
über das Gebiet. Seit 1994 galt eine brüchige Waffenruhe.

Aus der mehrheitlich von christlichen Karabach-Armeniern bewohnten
Bergregion sind inzwischen Tausende Menschen geflohen. Das armenische
Verteidigungsministerium sprach von mehr als 600 getöteten Soldaten
seit Beginn der neuen Kämpfe am 27. September. Aserbaidschan machte
bislang keine Angaben zu Verlusten bei seinen Streitkräften. Bei
armenischen Angriffen seien mehr als 50 Zivilisten getötet worden.



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