Britische Unternehmen bekommen Brexit-Folgen zu spüren

08.01.2021 12:03

Der Ausstieg Großbritanniens aus dem Binnenmarkt und der Zollunion
macht Unternehmen auf der Insel mehr zu schaffen, als es die
optimistischen Äußerungen von Premier Boris Johnson erwarten ließen.

Besonders die Fischer in Schottland fürchten um ihre Existenz.

London (dpa) - Gut eine Woche nach dem Austritt Großbritanniens aus
dem EU-Binnenmarkt und der Zollunion zum Jahreswechsel machen sich
die Folgen beim Warenverkehr bemerkbar. Probleme gibt es vor allem
für Exporteure von Fisch- und Meeresfrüchten, die für ihre Waren nun

aufwendige Erklärungen für Bestimmungen über Zölle und
Lebensmittelsicherheit ausfüllen müssen. Befürchtet wird, dass
Verzögerungen bei der Lieferung der verderblichen Ware, die
größtenteils für den Kontinent bestimmt ist, das Geschäft ruinieren
.
Der britische Premierminister Boris Johnson hatte nach dem Abschluss
des nach seinen Worten «fantastischen» Handelspakts mit der EU
versprochen, es werde keinerlei Handelshemmnisse geben.

Das Exportunternehmen SB Fish meldete am Donnerstag, sein Betrieb sei
zum Erliegen gekommen. Die Chefin des Verbands Seafood Scotland,
Donna Fordyce, sprach von einem «perfekten Sturm» aus Folgen der
Corona-Pandemie und dem Brexit für die Branche. Viele Unternehmen
seien nicht in der Lage, die erforderlichen Unterlagen auszufüllen.
Hinzu kämen Probleme bei den IT-Systemen und Verwirrung über die
neuen Regelungen. «Wir könnten innerhalb sehr kurzer Zeit die
Zerstörung eines jahrhundertealten Branche sehen, die einen
erheblichen Teil der schottischen Wirtschaft ausmacht», so Fordyce
der britischen Nachrichtenagentur PA zufolge.

Auch der Paket-Dienstleister DPD zog am Freitag Konsequenzen und
stellte Lieferungen von Großbritannien auf den europäischen Kontinent
und nach Irland vorübergehend ein. Grund sei die erhöhte Belastung
durch die erforderliche Zollbürokratie, wie das Unternehmen auf
seiner Webseite mitteilte. 20 Prozent der Pakete wurden demnach ohne
ausreichende Zollerklärung abgesendet und müssten an die Absender
zurückgeschickt werden.

Schwierigkeiten gibt es auch für die Textileinzelhändler, deren Waren
häufig in Asien hergestellt werden. Dem an Heiligabend vereinbarten
Handelspakt zufolge fallen für Kleider und Accessoires, die
beispielsweise aus Bangladesch oder Kambodscha stammen, nun Zölle an,
sollten sie von Großbritannien aus auf die irische Insel oder den
Kontinent geliefert werden. Die neuen Regeln betreffen außer dem
EU-Mitglied Irland auch das zum Vereinigten Königreich gehörende
Nordirland.

Nur Waren, die in Großbritannien weiterverarbeitet oder veredelt
wurden, dürfen zollfrei ins EU-Zollgebiet eingeführt werden. Die
Regeln dazu sind komplex und von Warengruppe zu Warengruppe
unterschiedlich.

Die Unternehmen John Lewis und TKMaxx stellten Lieferungen nach
Nordirland vorübergehend ein. Das Warenhaus Debenhams nahm seinen
Online-Shop für Irland vom Netz. «Es tut uns leid, aber wir sind
derzeit nicht in der Lage, Bestellungen von der Republik Irland
auszuliefern wegen Unsicherheit über die Handelsbestimmungen nach dem
Brexit», hieß es zur Begründung.

Auch der Lebensmittelhandel in Nordirland mit den Änderungen zu
kämpfen. «Die Menschen hier beschweren sich über leere Regale in den

Supermärkten», sagte die nordirische Konfliktforscherin und
Brexit-Expertin Katy Hayward von der Queen's University Belfast der
Deutschen Presse-Agentur. Insbesondere bei frischen Produkten komme
es zu Störungen der Lieferketten. Unternehmen seien unsicher, welche
Formulare bei der Einfuhr notwendig sind. «Viele merken, dass sie
nicht vorbereitet sind», so Hayward. Das sei nicht überraschend -
normalerweise brauche es Jahre, um solche aufwendigen Veränderungen
umzusetzen. Viele Firmen verschieben daher ihre Fahrten, was sich bei
frischen Produkten als erstes bemerkbar macht.

Nach dem Brexit gelten für Nordirland spezielle Regeln, die im
sogenannten Nordirland-Protokoll festgehalten sind. Damit wird eine
harte EU-Außengrenze zwischen Irland und Nordirland vermieden, da
durch eine solche das Aufflammen alter Konflikte in Nordirland
befürchtet wird. Die Provinz ist damit enger an die EU gebunden als
der Rest des Königreichs und folgt weiter den Regeln des
EU-Binnenmarkts. Bei der Einfuhr von Waren aus Großbritannien nach
Nordirland sind daher seit dem 1. Januar Zoll- und
Zertifikatskontrollen fällig. Die entsprechenden Vorgaben sind jedoch
erst knapp vor dem Jahreswechsel veröffentlicht worden.



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