Weichen für schnellere Corona-Impfungen - So viele Tote wie noch nie Von Basil Wegener, Michel Winde und Annette Birschel, dpa

08.01.2021 18:29

Hoffnung und Sorgen im Wettlauf mit der Zeit gegen Corona: Die
Impfmengen sollen besser genutzt und vergrößert werden. Zugleich
steigt die Zahl der Covid-19-Toten in Deutschland weiter an.

Berlin/Brüssel (dpa) - Mit zusätzlichem Corona-Impfstoff im
Millionenumfang und einer besseren Ausnutzung der vorhandenen
Kapazitäten drücken Deutschland und die EU bei der Massenimpfung aufs
Tempo. Seit Freitag kann aus den gelieferten Ampullen der Mainzer
Firma Biontech und ihres US-Partners Pfizer mehr Impfstoff entnommen
werden als bisher. Mengensteigerungen um bis zu 20 Prozent sollen
möglich sein. EU-weit gibt es zudem eine neue Vereinbarung über bis
zu 300 Millionen weiteren Biontech/Pfizer-Dosen. Zugleich meldeten
die Gesundheitsämter in Deutschland mit 1188 neuen Fällen innerhalb
nur eines Tages so viele Corona-Tote wie noch nie. Einen weiteren
Anstieg in den nächsten Tagen halten Experten für wahrscheinlich.

Umso fieberhafter versuchen die Regierungen und Behörden, die
zunächst knappen Impfstoffmengen in Deutschland und Europa zu
erhöhen. Am Freitag konnten sie Positives verkünden.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zeigte sich deshalb
hoffnungsfroh. «Das ist ein guter Tag im Kampf gegen die Pandemie»,
sagte Spahn der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Die jüngsten
Entwicklungen bedeuteten «mehr Impfstoff, mehr Schutz, weniger
Angriffsfläche für das Virus».

Die EU soll im laufenden Jahr bis zu 300 Millionen weitere Dosen
Corona-Impfstoff von Biontech bekommen. 75 Millionen Dosen davon
sollten bereits bis Ende des zweiten Quartals zur Verfügung stehen,
sagte EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen in Brüssel. Von den
bereits zugelassenen Mitteln von Biontech/Pfizer sowie dem
US-Unternehmen Moderna hat die EU sich mittlerweile 760 Millionen
Einheiten gesichert. Damit könnten mehr als 80 Prozent der
EU-Bevölkerung geimpft werden, sagte von der Leyen.

Der zweite in Europa zugelassenen Impfstoff, der des US-Herstellers
Moderna, soll ab kommenden Dienstag an die Bundesländer geliefert
werden. Nach einer der dpa vorliegenden Aufstellung sollen zunächst
63 600 Dosen ankommen. Größere Lieferungen sind in der vierten,
sechsten und achten Kalenderwoche geplant, dann von 674 400 Dosen.

Erwartet wird die Zulassung eines dritten Impfstoffs. Nächste Woche
werde der entsprechende Antrag des Herstellers Astrazeneca erwartet,
teilte die europäischen Arzneimittelbehörde EMA in Amsterdam mit.
Ende Januar könnte dann eine positive Empfehlung der EMA und die
Zustimmung der EU-Kommission erfolgen. Die EU hat von dem Präparat
400 Millionen Dosen bestellt. Es ist preiswerter und kann bei
normaler Kühlschranktemperatur für sechs Monate gelagert werden.

Spahn sagte: «Wir können mehr Impfdosen pro Ampulle verwenden. Der
zweite Impfstoffhersteller wird kommende Woche liefern. Der dritte
Impfstoff steht vor der Zulassung. Uns stehen zusätzliche Impfdosen
durch den neuen EU-Vertrag mit Biontech zu. Und wir bauen darauf,
dass der Produktionsstandort in Marburg im Februar ans Netz geht.»
Dies bezieht sich auf die geplante neue Biontech-Anlage. Das
Unternehmen soll seine Impfstoffproduktion hier massiv ausbauen - und
bestellte Dosen so früher liefern können.

Um die Fläschen mit dem Biontech-Impfstoff besser nutzen zu können,
ließ die EMA zu, dass sechs statt bisher fünf Dosen aus einer Ampulle
von Biontech/Pfizer gezogen werden dürfen. Das hatte das
Gesundheitsministerium bereits im Dezember als Möglichkeit
angekündigt - aufgrund einer «Über-Füllung» der Fläschchen kö
nne mit
geeigneten Spritzen und Kanülen sechs Dosen aus einem gezogen werden.
Die Zulassung löste Freude in Impfzentren aus.

Spahn rechnet mit einem Impfangebot an alle in Deutschland im Sommer.
Insgesamt soll Deutschland nach bisherigem Stand 140 Millionen Dosen
von Biontech/Pfizer und Moderna bekommen - ausreichend für eine
Herdenimmunität der Bevölkerung. Die Dosen aus dem neuen
Biontech-Vertrag sollen dazukommen. Unabhängig von den EU-Verträgen
sind Lieferungen von Biontech/Pfizer von 30 Millionen Dosen an
Deutschland voraussichtlich in diesem Jahr geplant.

Dies Biontech-Zusagen an Deutschland vermindere die EU-Kontingente
auch für die anderen Staaten nicht, betonte der Sprecher Spahns. Von
der Leyen betonte, dass es laut den gemeinsamen Vereinbarungen keine
parallel laufenden Verhandlungen zu den EU-Verhandlungen gebe.
«Zusammen verhandeln wir, zusammen beschaffen wir und zusammen
bringen wir den Impfprozess voran.» Ihr Sprecher wich Fragen aus, ob
Deutschland diese Abmachung verletzt habe: Der Fokus der Kommission
sei, dass es genügend Impfstoff für alle EU-Staaten gebe.

Die Gesundheitsämter meldeten dem dem Robert Koch-Institut (RKI) 31
849 Neuinfektionen innerhalb eines Tages. Die Zahl der binnen sieben
Tagen an die Gesundheitsämter gemeldeten Neuinfektionen pro 100 000
Einwohner (Sieben-Tage-Inzidenz) lag am Freitagmorgen bei 136,5. Die
höchsten Inzidenzen hatten Sachsen mit 297,6 und Thüringen mit 256,9.
Den niedrigsten Wert hatte Bremen mit 73,5.

Die Bundesregierung rief die Länder eindringlich zur Umsetzung am
Dienstag beschlossener Verlängerung und der Verschärfungen des
Lockdowns auf. «Das gilt auch für die Beschlüsse zu den Schulen»,
sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. So hatte etwa der Berliner
Senat beschlossen, ab kommendem Montag ab Klasse 10 wieder
Wechselunterricht anzubieten, eine Woche später sollten auch
Grundschüler folgen. Andere Länder gehen ähnliche Wege. Berlin nahm
die Pläne nach massiver Kritik am Freitag teilweise wieder vom Tisch.

Seibert sagte: «Es sollte nach Ansicht der Bundesregierung jetzt eben
nicht um eine möglichst weite, extensive Auslegung der Beschlüsse
gehen, sondern darum, dass wir alles tun, um diese Beschlüsse
durchzuhalten und ihren Zweck damit zu erreichen.» Thüringens
Ministerpräsident Bodo Ramelow sprach sich in der «Frankfurter
Allgemeinen Zeitung» (Freitag) für eine Verschärfung aus -
konsequent, hoffentlich wirkungsvoll und daher zeitlich begrenzbar.



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