Impfneid bis Verteilungschaos: So verlief der Impfstart in Europa Von den dpa-Korrespondenten

09.01.2021 09:15

Zu langsam, zu wenig Impfstoff: Nicht nur in Deutschland wird der
Impfstart kritisiert. In nahezu allen europäischen Ländern ruckelte
es zu Beginn gewaltig. Ein Land ist im Vergleich besonders spät dran.

Berlin (dpa) - Die Impfkampagne ist in Deutschland eher schleppend
angelaufen. Auf der einen Seite herrscht Zurückhaltung, gleichzeitig
wird sich über zu wenig Impfstoff beklagt. Die Bundesregierung und
auch die EU-Kommission mussten sich viel Kritik anhören.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) betonte immer wieder, dass
der Impfstoff über Wochen und Monate hinweg knapp sein werde - vor
allem anfangs, da die Produktionskapazitäten noch begrenzt seien. Ein
Blick über die Grenze zeigt: In anderen Staaten sieht es ähnlich aus.
Ein EU-Land hat sogar erst am Mittwoch mit dem Impfen angefangen.

GROSSBRITANNIEN: Die Briten haben beim Impfen im Vergleich zur
EU bislang die Nase vorn: Der Impfstoff von Biontech und Pfizer war
schon Anfang Dezember per Notfallzulassung freigegeben worden. Am 8.
Dezember wurde die erste Britin geimpft. Seit Anfang Januar steht mit
dem heimischen Vakzin der Universität Oxford und des Pharmakonzerns
Astrazeneca ein weiteres Mittel bereit. Bislang sind nach Angaben der
Regierung mehr als 1,3 Millionen Menschen gegen Corona geimpft
worden. Das Tempo der Impfkampagne soll deutlich beschleunigt werden,
Ziel sind zwei Millionen Impfungen pro Woche.

FRANKREICH: In der ersten Woche nach dem Impfstart am 27. Dezember
gab es in Frankreich Medien zufolge nur einige Hundert Impfungen.
Offizielle Zahlen suchte man zunächst vergebens. Französische
Regionalpolitiker warfen der Regierung in Paris Versagen vor und
fühlten sich nicht eingebunden. Frankreichs Impfkampagne sah vor, im
Januar und Februar erst einmal ältere Menschen in Pflegeheimen und
älteres Personal vor Ort zu impfen. Das sei logistisch schwierig,
verteidigten die Behörden das schleppende Tempo. Nach massiver Kritik
wurde der Personenkreis schließlich erweitert - zum Beispiel auch auf
Menschen über 75 Jahre, die nicht in Heimen leben, sowie weiteres
Gesundheitspersonal. Nun sollen außerdem Hunderte Impfzentren öffnen.

ITALIEN: Auch Italien verabreichte am 27. Dezember die ersten lang
ersehnten Impfdosen von Pfizer-Biontech. Nach dem Start wurde jedoch
direkt Kritik laut, dass die Impfungen zu langsam anliefen. Um den
Jahreswechsel fehlten in einigen Regionen laut Medienberichten
außerdem Ärzte und Krankenhauspersonal, um die Impfungen zu
verabreichen. In der Lombardei, die mit am härtesten von der
Corona-Pandemie getroffen wurde, hatten die Ärzte bis Anfang dieser
Woche nur etwa 14 Prozent der verfügbaren Impfungen gespritzt - im
Gegensatz zu einem Großteil der anderen Regionen in dem Land mit rund
60 Millionen Einwohnern, die zu diesem Zeitpunkt schon fast die
Hälfte ihrer erhaltenen Impfdosen verabreicht hatten. Die Kampagne
nahm im neuen Jahr jedoch Fahrt auf. Insgesamt wurden bis
Freitagvormittag rund 412 600 Corona-Impfungen gespritzt - der
Großteil ging an Bedienstete im Gesundheitswesen.

SPANIEN: Auch in Spanien sorgt der langsame Start der
Corona-Impfkampagne für große Empörung. Nach Angaben des
Gesundheitsministeriums waren vom Impfstart am 27. Dezember bis
Donnerstag nur knapp 28 Prozent der erhaltenen Dosen verabreicht
worden - rund 207 000 von insgesamt 743 925 Einheiten. Besonders
schlecht stand die Region um die Hauptstadt Madrid da: Dort waren bis
Dienstagabend nur 11,5 Prozent der erhaltenen Dosen geimpft worden.
Oppositionsführer Pablo Casado von der konservativen Volkspartei PP
forderte den Rücktritt von Gesundheitsminister Salvador Illa. Dieser
beteuerte, alles verlaufe nach Plan. Kritisiert wird unter anderem,
dass an Wochenenden und Feiertagen überhaupt nicht geimpft werde.

BELGIEN: Nach einem einwöchigem Testlauf Ende Dezember hat Belgien in
dieser Woche angekündigt, großflächig mit Impfungen gegen das
Coronavirus beginnen zu wollen. Bis zum Spätsommer sollen laut Plan
70 Prozent der Bevölkerung geimpft werden, womit eine flächendeckende
Immunität erreicht werden soll. Zunächst hatten nur rund 700
Freiwillige in einigen Pflegeheimen Impfschutz erhalten. Die
Opposition kritisierte, Belgien hinke vor allem im Vergleich zu
Deutschland bei den Impfungen hinterher.

ÖSTERREICH: Nach den ersten Impfungen am 21. Dezember wurden bis
Anfang der Woche rund 6800 Menschen in Altenheimen geimpft - auch
bezogen auf die Einwohnerzahl ein Bruchteil der bisherigen deutschen
Bilanz. Nach massiver öffentlicher Kritik an der langsamen Umsetzung
wurde der großflächige Impfstart, der ursprünglich für den 12. Ja
nuar
geplant war, vorgezogen. Noch in dieser Woche sollen über 21 000
Impfungen stattfinden, bis kommenden Dienstag dann weitere 43 000.
Mengenmäßig wähnt sich das Land auf der sicheren Seite. Allein vom
Biontech/Pfizer-Impfstoff seien für Österreich mit knapp neun
Millionen Einwohnern 5,5 Millionen Dosen vorgesehen.

SCHWEIZ: In einzelnen Kantonen der Schweiz begann der Impfstart vor
laufenden Kameras schon vor Weihnachten, obwohl da erst 100 000
Impfdosen von Biontech/Pfizer geliefert worden waren. Anfang Januar
kamen weitere 126 000 Impfdosen an - bei 8,5 Millionen Einwohnern
immer noch ein Tropfen auf den heißen Stein. Impftermine waren
innerhalb von Minuten ausgebucht, mangels Stoff blieben Impfzentren
zunächst weitgehend leer. Gegen die Regierung wurde wegen Fehlplanung
gewettert.

NIEDERLANDE: Als allerletztes Land der EU starteten die Niederlande
am vergangenen Mittwoch mit der Impfung. Doch erst ab dem 15. Januar
sind tatsächlich auch alle 25 Impfzentren im ganzen Land
einsatzbereit. Dabei lagert seit Weihnachten der Impfstoff ungenutzt
in einer Halle - zuletzt waren es rund 280 000 Dosen. «Impfchaos» und
«totales Versagen» hatten Parlament und Öffentlichkeit der Regierung

vorgeworfen. Mediziner hatten am Ende selbst die Initiative
ergriffen, um Ärzte und Pfleger von Corona-Patienten zu impfen.
Premier Mark Rutte räumte Fehler ein. Die Behörden hätten sich früh
er
und besser auf Massenimpfungen vorbereiten müssen.

EU: Die EU-Kommission hat sich mehrfach gegen Kritik verteidigt. Die
EU-Staaten hätten sich gemeinsam auf eine Impfstrategie geeinigt und
beschlossen die Impfstoffe geschlossen zu ordern. «Ich bin der tiefen
Überzeugung, dass dieser europäische Weg richtig ist und ich glaube,
in der Rückschau wird sich das auch beweisen», sagte
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Die Massenimpfungen
seien eine «logistische Herausforderung». Es sei von vorneherein klar
gewesen, dass man nicht «auf einen Schlag» alle impfen könne. Die
Anzahl der Impfungen müsse jedoch «zügig» angehoben werden.



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