Brexit-Folgen: Britische Verbände fordern Nachverhandlungen mit EU

10.01.2021 16:12

Mit dem Austritt aus dem Binnenmarkt und der Zollunion zeigen sich
erstmals konkrete Konsequenzen des Brexits. Britische Unternehmen
zeigen sich verblüfft, dass die vollmundigen Versprechen Johnsons vom
«fantastischen» Handelspakt der Realität nicht standhalten.

London (dpa) - Rund eineinhalb Wochen nach dem endgültigen Austritt
Großbritanniens aus der Zollunion und dem Binnenmarkt der EU werden
Forderungen nach Nachverhandlungen mit Brüssel über den Handelspakt
laut. Für Schwierigkeiten sorgen besonders Vorschriften zu Zöllen und
zur Lebensmittelsicherheit sowie zur Mehrwertsteuer bei
grenzüberschreitendem Handel.

Teilweise stellten Unternehmen den Handel zwischen Großbritannien und
der EU aus Unsicherheit über die Bestimmungen oder wegen des
Mehraufwands schlicht ein - darunter Exporteure von Fisch, ein
Paketdienstleister und Modeketten. Besonders Nordirland ist stark
betroffen. Dort gab es Klagen über leere Supermarktregale. Die
Provinz ist zwar Teil des Vereinigten Königreichs, wird aber laut
Austrittsabkommen nach den Regeln der EU-Zollunion und des
Binnenmarkts behandelt. Damit soll eine harte Grenze zum EU-Mitglied
Republik Irland und ein Wiederaufflammen des Nordirland-Konflikts
verhindert werden.

Britische Unternehmensverbände hoffen nun auf weitere Verhandlungen
zwischen Brüssel und London, um den Schwierigkeiten Herr zu werden.
«Wo es Probleme gibt, wird es weitere Gespräche geben müssen», sagt
e
der Chef des britischen Lebensmittelhandelsverbands Food and Drink
Federation dem «Observer» am Sonntag. Der Geschäftsführer des
Industrieverbands Make UK sagte dem Blatt, selbst Zollexperten mit 30
Jahren Erfahrung seien «verblüfft» darüber, was die neuen
Bestimmungen bedeuteten. Er sieht schlimmstenfalls jahrelange
Verhandlungen anstehen.

London und Brüssel hatten sich erst an Heiligabend auf ein
Freihandelsabkommen geeinigt, das an Neujahr in Kraft trat.
Premierminister Boris Johnson hatte von einem «fantastischen» Deal
geschwärmt, der keinerlei Handelshemmnisse mit sich bringen werde.
Doch von Zöllen befreit sind nur Waren, die in Großbritannien
hergestellt oder dort veredelt wurden. Viele Produkte wie Kleider
britischer Modeketten, die in Asien genäht werden, fallen nicht
darunter. Auch nicht Lebensmittel, die in der EU produziert wurden
und in Großbritannien abgepackt werden. Dazu kommt, dass für alle
Waren nun aufwendige Zollerklärungen und teilweise Zertifikate über
die Produktsicherheit notwendig sind.

Der britische Staatsminister Michael Gove warnte deshalb bereits vor
«erheblichen zusätzlichen Behinderungen» im Warenverkehr zwischen
Großbritannien und der EU in den kommenden Wochen. Das werde vor
allem den Hafen von Dover betreffen, wo täglich Tausende Lastwagen
von Fähren ins französische Calais und andersherum befördert werden,

so Gove. Bislang war das Verkehrsaufkommen im neuen Jahr an der
wichtigsten Handelsroute des Landes erheblich geringer als üblich.
Viele Unternehmen hatten bereits vor dem Ende der
Brexit-Übergangsphase zum Jahreswechsel ihre Lagerbestände erhöht.
Doch nun wird erwartet, dass der Handel wieder anzieht und damit die
Probleme wachsen.

Der Hafen von Dover teilte mit, der Verkehr über den Ärmelkanal laufe
derzeit reibungslos. Das Aufkommen sei im Januar stets geringer als
sonst. Doch viele Unternehmen halten ihre Lastwagen wohl schlicht
zurück, weil die notwendigen Papiere nicht vorliegen. Hinzu kommt,
dass europäische Logistikfirmen damit zögern, ihre Lkw auf die Insel
zu schicken, nachdem es kurz vor Weihnachten zu langen Staus gekommen
war, als Frankreich wegen einer neuen Virusvariante in England seine
Grenzen komplett zumachte.



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